▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 109 — Die Fortführung

Der Abholschein lag am Donnerstagmorgen auf dem Tisch in Weckhoven, Schrift nach oben, und Jeck hatte ihn so hingelegt, dass keiner danach fragen musste.

„Montag”, sagte er. „Der Dritte. Ich hatte mit Samstag gerechnet.”

Dobs zog den Schein zu sich. Achtzehn neue Mark, bezahlt, Ausgabe zwischen acht und zwölf, Abholung persönlich. „Am Samstag ist der Hof auf Kennung. Da kommen zwei von uns nicht mehr drauf.”

„Und am Fünfzehnten soll an der Rampe ein Lastzug stehen.” Jeck lehnte sich an die Anrichte. „Vier Riesen EC hängen daran. Sie zahlt für die Rampe, nicht dafür, dass wir es inzwischen verstehen.”

Mox saß am Tisch und hielt die rechte Hand hoch, damit sie in Ruhe zuging. Der Verband war frisch und hatte an der Kuppe schon Farbe.

„Die Niederschrift liegt längst da”, sagte Dobs. „Sie ist nur noch nicht gedruckt.”

„Wer sagt das?”

„Du. Gestern hast du gesagt, die Niederschrift geht immer ans Kataster.”

„Das hat der in Nievenheim gesagt.” Jeck hob die Schultern. „Sassen. Ingenieurbüro Sassen, Vermessungstechnik. Da sitzt einer, der mich seit dem Sommer für einen vom Kieswerk hält und stolz darauf ist, dass sein Büro mit Grenzen nichts zu tun hat.”

Mox sah von der Hand auf. „Sieh nach, wer geladen war”, sagte er. „Nicht, was sie gemessen haben.”

„Gesa will, dass einer dabeisitzt.”

„Dann sitz ich.”


Das Kataster hatte keinen Raum. Es hatte eine Fläche, und die Fläche war gezeichnet.

Dobs stand darauf und sah sie im selben Moment von oben, und beides störte einander nicht. Vielecke, Kante an Kante bis dahin, wo das Sehen aufhörte, jedes mit seiner Nummer über der Mitte. An den Ecken der Vielecke standen Punkte, kniehoch, mit einem flachen Kopf obendrauf. Hier war nichts gebaut. Hier war eingetragen, und was eingetragen war, durfte gelesen werden — das war der Sinn des Ortes, und deshalb hing an jedem Punkt, was zu ihm gehörte.

Er ging über Grefrath, ohne einen Schritt zu machen, und fand die Nummer, die Jeck ihm dreimal vorgesagt hatte: Gemarkung Grefrath, Flur zwölf, Flurstück zweihundertvierzehn.

Die Fläche lag in Schichten. Die unteren waren hart und rochen nach nichts, siebenundfünfzig, achtundfünfzig, zweiundsechzig, dann lange gar nichts. Die oberste war dünn und noch nicht fest. Er legte einen Finger hinein und verschob die Kante des Flurstücks um einen halben Meter, und sie ging zurück, als er losließ. Was unterschrieben war, saß. Was in Arbeit war, gab nach.

Am vierten Punkt hing der sechzehnte März.

Die Niederschrift war zu. Außen standen ein Datum, drei Namen und darunter drei Zeilen, in denen jemand unterschrieben hatte, und das Ganze war so zu, dass er nicht einmal die Naht fand. Er ging einmal herum. Beurkundet hieß, dass es zu blieb. An dieser Stelle hörte der Ort auf, freundlich zu sein.

Der Kopf des Punktes daneben war eingeschlagen, auch hier, weil einer, der einen Punkt einträgt, dasselbe Zeichen einträgt, das er in den Stein schlägt. Ein I, ein S, eine Vier. Dobs bückte sich und legte die Hand darauf, und es war dasselbe, was Kerstin gestern Abend aus dem Grauen heraus mit zwei Fingern gelesen hatte.

In der obersten Schicht arbeitete etwas.

Es hatte keinen Kopf, und was es wollte, war daran nicht abzulesen. Es setzte einen Punkt, blieb einen Augenblick daneben stehen, schrieb auf, was um den Punkt herum lag, und nahm den Punkt wieder auf. Danach ging es zum nächsten. Es ging in der Reihenfolge der Nummern, und es war bei der Zwei.

Dobs schickte den Kleinen vor. „Bis an die Zwei”, sagte er. „Nicht daneben. Nicht dahinter. Und wenn es sich dreht, kommst du raus.” Der Kleine machte sich schmal und ging.

Dann las er die oberste Schicht, denn die oberste Schicht hatte noch keine Unterschriften, und ohne Unterschriften hielt sie nichts zu.

Fortführung, Antrag vom 20.09. Termin 05.10., 9.30 Uhr, örtlich. Gebühr nach Tabelle, sechzehnhundertsechzig neue Mark.

Bearbeitende Stelle: Ingenieurbüro Sassen, Vermessungstechnik, Nievenheim. Öffentlich bestellter Vermessungsingenieur Nr. 4.

Dobs las es zweimal, weil ein Name, der eine Stunde alt ist, zweimal gelesen werden will. Sassen hatte mit Grenzen nichts zu tun. Sassen machte die zweite Grenze in einem halben Jahr, und dieselbe Vier stand im Kopf jedes Steins, den Kerstin ausgegraben hatte.

Antragsteller: Yano-Rhein Industrieleasing GmbH, Düsseldorf-Niederkassel.

Das war die Firma, deren Namen Jeck an einer Zustellbasis von einem Firmenstempel abgelesen hatte, und in Niederkassel hängte das Milieu Wörter an Adressen, die niemand belegen konnte. Sie stand zweimal da, im März und jetzt, und sie zahlte beide Male.

Beteiligtenverzeichnis. Drei Zeilen, und jede hatte eine Anschrift.

Erbengemeinschaft Terboven, zu Händen einer Frau in Kaarst, Zur Kirschallee. Klapheck Kunststoffhandel, Nachbarparzelle, Am Hafenbecken zwei. Hausverwaltung, seit dem 19. September Rheinkontor Objekt GmbH, Düsseldorf. Darunter, in Klammern, dünn und gerade erst gesetzt: Eigentümerwechsel angezeigt, Eintragung des Grundbuchamts liegt nicht vor.

Keine dieser drei Anschriften war der Gewerbehof Neuss-Grefrath. Nicht eine.

Und im März waren drei Ladungen an drei Anschriften an einem einzigen Fenster in sechs Minuten quittiert worden, dreimal mit demselben Haken.

Dobs blieb stehen, wo er stand, und arbeitete es durch, und seit Sonntag hatte an dieser Sache nichts so ordentlich zusammengepasst. Die Frau in Kaarst hatte nie einen Brief in der Hand gehabt. Der Kunststoffhändler am Hafenbecken auch nicht. Wer nicht kommt, hat anerkannt — und was hier anerkannt worden war, hatte niemand jemals zugestellt bekommen.

Er drehte sich zur Zeichnung.

In der obersten Schicht lag die neue Linie schon. Sie lief nicht dort, wo der März sie gelassen hatte. Sie lief zweiundzwanzig Meter weiter nach Süden, sauber, in einem Zug, und Dobs legte sie an die Hallenkante von Halle zwei und rechnete nach, und dann rechnete er es noch einmal von der anderen Seite, weil er es nicht glauben wollte. Die Linie lief durch die Rampe. Vier Meter hinter der Rampe war sie noch nicht zu Ende.

Am Rand der Schicht stand, wer sie offen hatte. Eine Stelle, mit Datum und Uhrzeit, seit vorgestern. Und seit einer Minute eine zweite, ohne Bezeichnung, mit der Uhrzeit von jetzt.

Wer in Bearbeitung liest, steht in der Bearbeitung. Das war keine Abwehr, die sich jemand ausgedacht hatte, das war der Sinn einer gemeinsamen Arbeitsfassung, und es würde am Montag oder heute Nachmittag jemandem in Nievenheim auffallen, dem Jeck am Dienstag die Hand gegeben hatte.

Der Kleine kam zurück und machte sich an seinem Knöchel klein. Das Ding in der obersten Schicht war bei der Drei.

Dobs hatte noch die Zeit, die es brauchte, um einen Punkt aufzuschreiben und wieder aufzunehmen, und er benutzte sie, um das Feld zu lesen, das unter der Zeichnung stand, das Feld, in das ein Vermesser schreibt, was ihm bei der Örtlichkeit aufgefallen ist. Der Satz darin war nicht drei Wochen alt. Er war von vorgestern, und er stand da in der Sprache, in der solche Sätze stehen.

Grenze in der Örtlichkeit erkennbar.