▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
← All chapters

Kapitel 110 — Nie geladen

Hanne Terboven wohnte in Kaarst im Erdgeschoss, und an ihrer Klingel stand als einziger im Haus ein Vorname.

Sie ließ Jeck bis in die Küche und nicht weiter. Sie war über siebzig, hatte eine Lesebrille an einer Kette und setzte sie erst auf, als er das Blatt auf den Tisch legte: die Kopie aus der Zustellbasis, drei Zeilen vom zehnten März, dreimal derselbe Haken.

„Das ist mein Name”, sagte sie. „Das ist nicht meine Hand.”

„Das ist ein Haken. Den kann jeder.”

„Ich habe in diesem Jahr zweimal unterschrieben, Herr Brenner. Einmal beim Notar am Neunzehnten, einmal bei der Zahnärztin. Beide Male auf Kennung.” Sie schob das Blatt mit einem Finger zurück. „Einen Brief vom Vermesser habe ich nie gehabt. Sonst wüsste ich, wo er liegt.”

Jeck erklärte es ihr in vier Sätzen. Ladung, sieben Tage, Termin, und wer nicht kommt, hat die Grenze anerkannt. Sie hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen, und schrieb sich die Zahl zweiundzwanzig auf den Rand einer Zeitung.

„Dann bin ich nicht geladen worden.”

„Und Sie stehen noch im Grundbuch. Umgeschrieben ist nichts.”

„Sechs bis acht Wochen, hat der Notar gesagt.” Sie nahm die Brille ab. „Gekauft hat eine Gesellschaft aus Niederkassel. Irgendwas mit Yano. Der Notar hat den Preis zweimal vorgelesen, weil er in Nuyen war, und mein Neffe hat danach nichts mehr gefragt. Ich schon. Mir hat keiner geantwortet.”

Nuyen für einen Gewerbehof in Grefrath. Jeck legte das zu Yano-Rhein, zu Niederkassel und zu dem Wort, das das Milieu an diese Adresse hängte, und ließ es dort liegen.

Das Terminal stand im Flur auf einer Kommode, unter einer Häkeldecke. Sie schrieb die Einwendung selbst, mit zwei Fingern und ohne einen Tippfehler: gegen die Fortführung zum fünften Oktober, gegen die Niederschrift vom sechzehnten März, Grund in einem Satz. Nie geladen. Darunter ihre Kennung.

„Schicken Sie es heute Abend um zehn”, sagte Jeck. „Nicht früher.”

„Warum?”

„Weil auf der Fläche einer steht, den sie nur kennt, solange Ihr Haken gilt.”

Sie sah ihn lange an. „Um zehn”, sagte sie.


Um Viertel nach neun brannte im Gewerbehof die Lampe über dem Tor der Eins, und alles dahinter war für Jeck schwarz.

Kerstin klebte den letzten Streifen über den linken Unterarm. Der Haken darauf war Mox’ Arbeit von Mittwoch, und der Rand war noch trocken.

„Wenn die Anerkennung fällt”, hatte Mox am Nachmittag gesagt, „dann fällt sie für den zuerst, der sie gegeben hat.” Er saß jetzt in der Halle am Hafen auf dem zweiten Platz, weil Gesa das so wollte, und Dobs lag im Kataster und redete Jeck ins Ohr.

„Die oberste Schicht ist still”, sagte Dobs. „Das Ding ohne Kopf ist durch. Die Linie liegt noch durch die Rampe.”

Kerstin ging hinein. Jeck hörte ihre Schritte sieben, acht Meter weit und dann nicht mehr.

Nach vier Minuten kam ihre Stimme über das Funkgerät, flach. „Ich hab ihn. Er sitzt auf einer Kiste aus der Loge. Er will nicht.”

„Sag ihm, dass es um zehn anders wird.”

Eine Pause mit Wind darin. „Er sagt, die Kiste ist von einundsiebzig und er auch. Ab Samstag ist das Tor auf Kennung, und er hat keine. Hier drin fragt ihn keiner.”

Jeck hatte dafür drei gute Antworten und benutzte keine. Das hier war nicht sein Tisch.

„Er soll aufstehen. Mehr nicht.”

Um einundzwanzig Uhr einundvierzig sagte Dobs: „Sie ist drin.”

„Es ist nicht zehn.”

„In Nievenheim hat um halb zehn einer die Beteiligten angerufen und den Termin am Fünften bestätigen lassen. Sie stand als Erste auf der Liste.” Dobs redete schneller. „Die Linie ist gestrichelt. Daneben steht strittig. Und am Rand steht unsere Stelle nicht mehr allein, da liest jetzt einer aus Nievenheim mit.”

Über das Funkgerät kam ein Geräusch, das Jeck nicht kannte. Dann Kerstin, knapp: „Es nimmt die Schnürsenkel.”

„Wie weit bist du drin?”

„Siebzig.”

Jeck stand am Graben und sah auf nichts. Die Lampe über der Eins warf ihr Licht bis an die Stütze der Hofüberdachung und dahinter ins Leere. Siebzig Meter waren in diesem Dunkel eine Behauptung.

„Ich schalte auf Wärme.” Kerstins Atem, kurz. „Es wird warm. Von außen nach innen, in Streifen. Wo es warm ist, hat es losgelassen. Wo es kalt ist, hält es noch.”

„Dann geh aufs Warme.”

„Mach ich.” Ein Stolpern, nicht ihres. Ein Laut von Lövenich, halb Wort. „Er fällt. Ich hab ihn.” Dann nur noch Schritte, unregelmäßig, einer schwer und einer schnell, und unter den Schritten ein trockenes Rieseln.

Jeck merkte, dass er einen Schritt über die Kante gemacht hatte, und nahm ihn zurück.

„Olivia.” Er hatte keinen zweiten Satz. Was er sonst immer in der Tasche hatte, war nicht da. „Wenn es mit ihm nicht geht, dann lass —” Er hörte sich selbst und brach ab. „Nein. Vergiss das. Komm einfach raus. Bitte.”

Sie antwortete nicht. Sie brauchte die Luft.

Er sah sie zuerst als Bewegung am Rand des Lichts, zwei Gestalten, die eine halb getragen. Kerstin kam auf Strümpfen, der Stiefelschaft hing ihr lose um den linken Knöchel, und vom rechten war nichts mehr da. Lövenich ging barfuß. Sein grauer Kittel war noch da, die Knöpfe nicht mehr; er hielt ihn mit einer Hand zu.

Am Bankett ließ sie ihn los, und er setzte sich ins Gras, das grün war, und legte die flache Hand darauf.

Jeck zog die Jacke aus und hängte sie Lövenich um die Schultern. Seine Hände zitterten dabei, und er ließ sie zittern, bis sie fertig waren.

„Schöne Strümpfe”, sagte er dann, und die Stimme saß wieder da, wo er sie haben wollte.

Kerstin sah auf ihre Füße. „Die Socken hat es gelassen.”

„Wolle”, sagte Lövenich vom Boden aus. „Wolle und Haut.”

Dobs meldete sich noch einmal. Die Linie war gestrichelt geblieben. Im Bemerkungsfeld stand kein neuer Satz, aber der von Dienstag war durchgestrichen, mit Uhrzeit, und die Uhrzeit war die von Frau Terbovens Einwendung plus neun Minuten.


Um fünf vor fünf am Freitag ging bei Pallmann das Rolltor hoch.

Das Graue lag noch da. Es lag bis einen Meter neunzig vor der dritten Stütze, genau dort, wo die Nacht auf Donnerstag es gelassen hatte, und keinen Zentimeter weiter. Kerstin hatte um vier auf Wärme geschaut: die ganze Fläche hatte den Grad der Luft, bis in die Mitte, bis an den vierten Grenzstein. Was schon durch war, blieb grau. Es aß nichts mehr.

Lövenich saß auf der Rampe der Zwei, in Jecks Jacke und Pallmanns Arbeitsschuhen zwei Nummern zu groß, und hielt einen Becher Kaffee mit beiden Händen.

Pallmann setzte sich auf den Stapler, ohne jemanden zu fragen, und fuhr ihn im Schritttempo auf das Graue. Die Gabel stand eine Handbreit über dem Boden. Die Reifen hinterließen zwei dunkle Bahnen im Pulver, und hinter den Bahnen blieb es, was es war. Sie fuhr bis an die Kante, auf der anderen Seite wieder hinunter und zurück, dieselbe Strecke, noch einmal.

Dann stieg sie ab, ging nach vorn und zog den Daumen über die Spitze der linken Zinke. Der Daumen blieb sauber.

„Zwei sechzig passt”, sagte sie. „Dann passt ein Lastzug.”

Sie holte einen Umschlag aus der Brusttasche ihres Kittels, der schon vorher dort gesteckt hatte, und gab ihn Kerstin, nicht Jeck. Vier Riesen EC, gut zwei Wochen vor dem Fünfzehnten.

„Rheinkontor will ab morgen eine Kennung am Tor”, sagte Jeck. „Das bleibt Ihr Problem.”

„Das ist ein Tor. Tore kenn ich.” Pallmann sah zur Rampe. „Und der schläft in der Zwei, bis ihn einer vom Tor holt.”

Dann schob sie die Gabel unter die erste Palette des Tages, fuhr sie über das Graue hinaus an die Rampe, setzte sie ab, genau auf die Linie, die in Nievenheim seit neun Stunden gestrichelt war, und stellte den Motor ab.