Kapitel 111 — Laufzeit
Die Quittung für den Stellplatz war dreimal gefaltet und an den Kanten weich geworden, und auf ihrer Rückseite standen zwei Daten in Bleistift, die Mox nicht mehr lesen musste.
Er legte sie Krey auf das Brett, zwischen eine Rolle Litze und einen ausgeschlachteten Wandler. „Oben der Platz”, sagte er. „Unten der Vertrag.”
Krey sah nicht auf die Quittung, sondern auf die Hand, die sie hingelegt hatte. Der Verband war am Samstagmorgen noch weiß. „Der Hof am Becken hat einen Host”, sagte er. „Jeder Kühler meldet alle fünf Minuten. Innentemperatur, Türkontakt, Laufzeit vom Verdichter. Wer die Vertragsnummer hat, liest seinen eigenen.” Er zog ein Kabel aus dem Haufen und prüfte den Stecker mit dem Daumennagel. „Seinen eigenen.”
Dobs saß auf der Werkbank und ließ die Beine hängen. „Warum willst du das überhaupt sehen? Kerstin schaut jeden zweiten Tag mit den Augen auf die Wand.”
„Sie sieht, wo die Wand warm ist. Nicht, was es kostet, sie kalt zu halten.”
„Strom kostet es. Den zahlt Jeck.” Dobs hob die Schultern. „Der ist übrigens in Grevenbroich. Die alte Spedition hat endlich abgerufen, zwei Fahrer mit sauberem Schein, dreitausend EC. Er hat gesagt, er gönnt sich davon ein Frühstück, das länger dauert als die Arbeit.”
Kerstin war am Bahnhof. Die Pension war am Freitag ausgelaufen, und sie hatte am Abend elfhundert EC bar auf den Tresen gelegt, vier Wochen weiter, ohne vorher jemanden zu fragen. Mox hatte es von Jeck, und Jeck hatte es vom Wirt.
„Achtzehn Minuten”, sagte Krey und schob ihm das Gestell hin. „Du fährst mit. Du fasst nichts an. Bei achtzehn zieh ich, auch wenn einer von euch mitten im Satz ist.”
Der Kühlhof hatte keine Wände. Er hatte Reihen, und jede Reihe summte.
Mox brauchte einen Atemzug, bis er merkte, dass er etwas sah. Seit dem Sommer lag über allem, was er früher neben den Dingen gesehen hatte, ein Grau ohne Rand. Hier hatte alles einen Rand. Jeder Stellplatz stand als schmale Säule in seiner Reihe, und jede Säule gab einen Ton, der mit der Last stieg und fiel. Verdichter an, Verdichter aus. Alle fünf Minuten leuchtete eine Meldung an der Säule auf und sank wieder hinein.
„Die hier lügen nicht”, sagte Dobs neben ihm. „Die melden, was sie messen, und sonst gar nichts. Ich mag das.”
Vor der Reihe D lag eine Schranke, kniehoch, und sie wollte eine Nummer. Dobs gab ihr die Vertragsnummer von der Quittung, Ziffer für Ziffer, laut, damit Mox mitzählen konnte, und die Schranke ging hoch.
D vierzehn stand in der Mitte der Reihe. Ihr Ton war tiefer als die anderen und hörte kaum auf. Daneben D fünfzehn, dasselbe Aggregat, dasselbe Baujahr, und an ihrem Fuß das Zeichen des Mieters: Nestlé Deutschland, Werk Neuss, Tiefkühlware. D fünfzehn lief in kurzen Stößen und hatte dazwischen lange Stille.
„Gib mir den Verlauf”, sagte Mox.
Dobs griff in die Säule und zog. Der Verlauf kam als Band heraus und legte sich über den Boden der Reihe, Juli am einen Ende, heute am anderen, und die Höhe des Bandes war die Laufzeit des Verdichters an jedem Tag.
Es stieg nicht gleichmäßig. Es stieg in Stufen.
Drei. Dazwischen lag es flach, Woche um Woche, und nach jeder Stufe kam es nicht wieder herunter.
„Komisch”, sagte Dobs. „Sommer wäre eine Kurve. Warm draußen, mehr Laufzeit, dann wieder weniger. Das hier sind Treppen.” Er beugte sich über die erste. „Macht da einer die Tür auf?”
Er zog den Türkontakt daneben. Ein schmaler Strich, über die ganze Länge dieselbe Farbe. Zu. Seit Juli immer zu.
Mox brauchte die Daten nicht nachzusehen. Die erste Stufe lag Mitte September, an dem Abend, an dem er auf einer Straße gesessen und einen Fremden an zwei Sitzenden hatte vorbeigehen lassen. Die zweite drei Tage danach, vor einem Werkstor, mit einer Wange, die aufging. Die dritte am Mittwoch, auf einem Streifen Packpapier in Grefrath.
Jedes Mal hatte er etwas hergegeben. Jedes Mal musste der Verdichter seitdem ein Stück mehr von dem tragen, was vorher er getragen hatte.
„Ich will D fünfzehn sehen”, sagte Dobs. „Wenn die dieselben Tage hat, ist es der Hof. Netz, Spannung, irgendwas mit der Einspeisung.”
„Das ist nicht unser Platz.”
„Ich guck nur. Ich fass nichts an.” Dobs hockte sich hin und redete in seine hohle Hand. „Du gehst bis an den Fuß. Nicht dran. Du liest nur, wie hoch sie ist, und dann kommst du zurück.”
Der Kleine löste sich aus seiner Hand, streckte sich und lief über das Band hinweg zu D fünfzehn.
Am Fuß der Säule saß etwas, das nicht zum Hof gehörte.
Mox sah es, weil es eine Kante hatte, die schärfer war als alles andere hier. Der Hof meldete nur. Das hier hatte jemand dazugestellt, der seine Tiefkühlware nicht dem Hof allein überließ, und es trug dasselbe Zeichen wie der Fuß der Säule. Es hatte den Kleinen nicht bemerkt. Es drehte sich trotzdem, langsam, zur Schranke am Anfang der Reihe, durch die sie gekommen waren, und zu der Nummer, die dort noch in der Luft stand.
„Scheiße”, sagte Dobs leise. „Kleiner. Zurück. Sofort.”
Der Kleine kam. Er kam schnell, in einem Bogen um das Band herum, und er ging nicht zu Dobs. Er kroch Mox über den Fuß, das Bein hinauf, und legte sich auf den Rücken seiner rechten Hand, genau dort, wo draußen der Verband saß, und blieb da liegen. Er war warm.
Dobs sah es nicht. Dobs stand an der Schranke und wischte mit beiden Händen die Nummer aus der Luft, Ziffer für Ziffer, zu spät für die ersten drei.
„Es hat den Vertrag”, sagte er. „Nicht uns. Nur den Vertrag. Den Namen aus Krefeld.”
Das Ding an D fünfzehn schrieb etwas auf. Dann drehte es sich zurück und saß wieder still.
„Achtzehn”, sagte Krey von irgendwo oben, und der Kühlhof ging aus.
Mox saß noch auf dem Gestell und hielt die rechte Hand in der linken, und der Verband war weiß. Dobs lag noch auf der Plane und starrte an die Decke.
„D fünfzehn hatte die Stufen nicht”, sagte er. „Das hab ich noch gesehen. Ganz flach. Nur wir.” Er setzte sich auf. „Und jetzt steht bei denen im Werk eine Vertragsnummer von einem Hof am Hafen, und die gehört einem Mann in Krefeld, der gar nicht weiß, dass er einen Container hat.”
„Der Mann in Krefeld weiß es seit August”, sagte Krey. „Er will’s nur nicht wissen.” Er rollte das Kabel auf, Schlaufe um Schlaufe über den Ellbogen. „Die rufen nicht an. Die schreiben es in eine Liste und warten, ob die Nummer ein zweites Mal kommt.”
„Sie kommt nicht”, sagte Mox.
Dobs zählte an den Fingern ab. „Drei Stufen in drei Wochen. Jede ist ungefähr ein Zehntel. Das Aggregat ist für Dauerlauf gebaut, aber nicht für immer. Wenn das so bleibt, ist es im Januar am Anschlag und läuft nur noch durch, und dann hält es die Temperatur nicht mehr.” Er hob die Schultern. „Wenn keine vierte dazukommt. Kommt vielleicht keine. Weiß ja keiner, was das ist.”
Mox sagte nichts. Er faltete die Quittung auf und strich sie auf dem Knie glatt.
Draußen stand Kerstins Wagen am Zaun, mit laufendem Motor, und sie beugte sich über den Beifahrersitz und stieß ihm die Tür auf, als er kam.
An der Ampel an der Hammer Landstraße nahm er den Bleistift aus der Jackentasche. Mit links schrieb er schlecht, und das Papier rutschte ihm auf dem Knie weg, bevor er die erste Ziffer hatte. Er setzte neu an. Es rutschte wieder.
Kerstin sah nach vorn auf die rote Scheibe. Sie nahm die rechte Hand vom Lenkrad und legte zwei Finger auf die Ecke der Quittung, flach, und hielt sie dort, während er unter die beiden alten Daten ein drittes schrieb.
Als es grün wurde, nahm sie die Hand zurück und fuhr.