▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 112 — Stillwasser

Brandt stellte das Glas vor Kerstin ab, bevor sie saß, und zeigte mit dem Daumen über die Schulter zum hinteren Tisch.

„Für dich. Nicht für den Redner.” Er nahm das nächste Glas aus der Spüle. „Holländer. Fährt für Leute, die du nicht magst. Zahlt aber selbst.”

Der Mann am hinteren Tisch trug eine Schifferjacke mit dem Namen einer Reederei aus Nimwegen auf der Brust und hatte vor sich einen Zettel liegen, auf dem nichts stand als Zahlen mit Komma. Er stand halb auf, als sie kam, und setzte sich wieder, bevor sie es konnte.

„Smit”, sagte er. „Mit einem i. Das ist bei uns der Schmidt, sagt man mir.” Er tippte auf den Zettel. „Pegel Düsseldorf zwei Meter vierzehn, fallend. Dienstag früh eins neunzig. Dann sieht man von der Fähre aus das Dach.”

„Wessen Dach?”

„Ein Wagen. Grau, viertürig, Düsseldorfer Nummer. Freitagnacht von der alten Slipanlage unter Uedesheim ins Wasser, Rheinkilometer sieben sechsunddreißig. Mein Neffe ist rausgekommen, durch das Fenster. Der Wagen nicht.” Smit drehte den Zettel um. Hinten stand dasselbe noch einmal, sauberer. „Gehört Mitsuhama Deutschland, Fuhrpark Heerdt. Der Junge fährt dort. Er hat ihn sich am Freitag ausgeliehen, ohne zu fragen, weil sein eigener nicht ansprang. Das wird er jetzt erklären müssen, und das ist seine Sache.”

„Und Ihre?”

„Im Kofferraum liegt ein schwarzer Koffer, Kunststoff, so groß.” Er zeigte es mit den Händen, eine Elle breit. „Elf Kilo. Plombe am Griff. Die Wasserschutzpolizei hebt Dienstag um sieben mit einem Kran vom Hafen. Was sie dann im Kofferraum findet, schreibt sie auf und gibt es dem Halter zurück.” Er sah sie an. „Der Halter soll da nichts finden.”

„Was ist drin?”

„Gewicht.” Smit lächelte nicht. „Die Plombe bleibt zu. Das ist die Bedingung. Zwölf Riesen EC, drei sofort.”

Er legte einen Umschlag auf den Zettel. Brandt sah von der Theke nicht herüber.

„Brandt hat Ihren Namen gesagt”, sagte Smit. „Olivia. Die hatte meine Mutter in der Küche liegen, in Arnheim. Auf Deutsch, weil es die auf Holländisch nicht gab. Die mit dem Messer im Stiefel und den kurzen Sätzen.”

Kerstin nahm den Umschlag und zählte nicht. „Wo genau ist die Slipanlage?”


Um halb zwölf in der Nacht stellte sie die neuen Stiefel oben auf die Böschung, nebeneinander, die Schäfte zueinander gekippt. Sie hatte sie Samstag gekauft. Die alten lagen in Grefrath.

Der Neffe hieß Joost und war neunzehn. Er hielt die Leine richtig, um einen Weidenstumpf gelegt und zweimal um die Hüfte, und er sagte bei jedem Satz, wo der Wagen lag. „Vier Meter vom Ende der Rampe. Schräg. Die Nase nach unten. Hinten steht er höher.”

„Du hast das vom Fenster aus gesehen.”

„Ich hab es gehört. Er ist noch gerutscht, als ich schon oben war.”

Restlicht machte aus dem Rhein eine dunkelgraue Fläche, die sich nach links bewegte, schneller, als es von oben aussah. Gegenüber lag Himmelgeist ohne eine Lampe. Weiter oben stand Düsseldorf hell am Himmel, und dazwischen fuhr nichts. Sonntagnacht, Pegel fallend. Kerstin schaltete auf Wärme, und der Fluss wurde gleichmäßig kalt, zwölf Grad, ein einziger Ton ohne Kante.

Bis auf eine Stelle.

Vier Meter vom Ende der Rampe lag im Wasser ein Fleck, der zwei, drei Grad wärmer war als alles um ihn herum. Er war rund und bewegte sich nicht. Der Rhein lief links und rechts daran vorbei und nahm ihn nicht mit.

„Joost. Ist da Öl rausgelaufen?”

„Samstag. Die Polizei war deswegen hier. Jetzt nicht mehr.”

Öl lief mit. Das hier lief nicht mit.

Sie ging in voller Kleidung hinein, die Lampe abgeklebt bis auf einen Schlitz und mit Band am linken Handgelenk festgemacht. Das Wasser nahm ihr beim zweiten Schritt die Luft aus der Brust und beim vierten den Boden unter den Füßen. Die Leine spannte sich. Sie ließ sich von der Strömung an der Rampe entlang drücken, bis die Kante unter ihren Händen aufhörte, und tauchte.

Unten gab das Restlicht eine Armlänge her. Mehr nicht. Braunes Wasser, in dem Sand stand.

Dann war sie in dem Fleck, und das Wasser hörte auf zu ziehen.

Es war nicht ruhig. Es war still. Draußen drückte der Fluss mit zwei Metern in der Sekunde, und hier hing der Sand senkrecht im Lampenschlitz und sank nicht. Ihr eigenes Haar trieb vor ihr und blieb, wo es war. Das Dach des Wagens kam aus dem Braun, dann die Heckscheibe, dann das Kennzeichen. D, ein Bindestrich, MH.

Die Heckklappe war zu und abgeschlossen. Sie zog sich an der Dachkante entlang zur Seite, zur hinteren Tür. Die Scheibe war weg — Joosts Fenster. Sie schob den Oberkörper hinein, fand mit der rechten Hand die Rückbank und mit den Fingerspitzen die Naht oben an der Lehne.

Der rechte Sporn kam heraus, und sie zog ihn durch Bezug und Schaumstoff von links nach rechts, einmal, dann senkrecht an der Seite hinunter. Hinter dem Schaum saß ein Blech mit Löchern, für die Gurtrollen. Sie setzte die Spitze in das obere Loch und hebelte, bis die Lasche nachgab, dann die zweite. Die Lehne kippte ihr entgegen.

Der Koffer lag quer im Kofferraum, schwarz, und an seinem Griff saß die Plombe, ein Bleiknopf mit einem Zeichen, drei kurze Striche über einem Kreis. Sie bekam den Griff mit der rechten Hand zu fassen.

Er war schwer. Elf Kilo sind unter Wasser keine elf Kilo, und das hier fühlte sich nach mehr an.

Sie zog. Er kam einen Handbreit. Sie zog noch einmal, und die Plombe schlug gegen das Blech, und das Wasser um sie herum war auf einmal nicht mehr still.

Es hatte gehalten. Jetzt ließ es los, und alles, was der Fluss in den letzten zwei Tagen an dieser Stelle hatte drücken wollen, kam gleichzeitig. Die Strömung riss ihr die Beine nach links, der Wagen ruckte unter ihr, und die Nase rutschte die Kante der Rampe hinunter, tiefer, ins Fahrwasser. Die Leine, die über das Dach lief, ging mit und zog sie mit dem Wagen.

Ihr linker Arm lag am Türrahmen und hielt sie. Eine Sekunde. Dann gab die Seite nach. Unter Last tat sie das immer. Der Rahmen fuhr an ihr vorbei.

Sie entschied nichts. Der rechte Sporn war schon draußen und schon an der Leine, bevor sie wusste, dass sie den Koffer dafür hätte loslassen müssen, und sie hatte ihn nicht losgelassen. Der Griff hing in ihrer rechten Faust, der Sporn kam unter dem Handgelenk hervor, an der Faust vorbei, und schnitt.

Die Leine ging. Der Wagen ging. Sie ging mit dem Fluss.

Oben war es schwarz und laut, und das Ufer lief rückwärts. Sie hatte die Lampe noch am Handgelenk, die Luft ganz unten in der Brust, den Koffer quer vor dem Bauch und keinen Grund unter den Füßen. Sie trat, schräg, gegen nichts, bis ihre Knie Kies fanden.

Fünfzig Meter unterhalb der Rampe lag sie auf den Steinen einer Buhne und hustete Rhein. Joost kam die Böschung entlang gerannt, die Hälfte der Leine noch um die Hüfte, und fiel einen Meter vor ihr auf die Knie.

„Ich hab nicht losgelassen”, sagte er. „Ich hab nicht losgelassen, es war auf einmal leer.”

„Ich weiß. Ich hab geschnitten.”

Er sah auf den Koffer. Dann auf ihre rechte Hand, auf das, was unter dem Handgelenk noch draußen war, und sie zog den Sporn zurück, weil der Junge sonst nichts anderes mehr ansehen würde.

„Mein Onkel sagt, der wiegt elf Kilo.”

„Dann hat er ihn trocken gewogen.”

Die Plombe saß. Drei Striche über einem Kreis, das Blei unversehrt. Kerstin setzte sich auf, wartete, bis der linke Arm wieder zu ihr gehörte, und sah auf Wärme zurück auf den Fluss.

Der Fleck war noch da. Er lag nicht mehr vier Meter vor der Rampe, sondern draußen, im Fahrwasser, und er war kleiner. Der Rhein lief nach Norden, nach links, und alles, was auf ihm schwamm, lief mit.

Der Fleck lief nach rechts. Gegen den Strom, langsam, ohne Spur dahinter, auf die Lichter von Düsseldorf zu.