▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 113 — Fahrtenbuch

Der Koffer stand in der Duschwanne, damit er dort tropfen konnte, und seit Mitternacht tropfte er nicht mehr.

Dobs hob ihn mit beiden Händen heraus und stellte ihn auf die Personenwaage, die irgendwer in Weckhoven unter dem Waschbecken vergessen hatte. Die Ziffern liefen hoch und blieben stehen.

„Elf Komma null.” Er stieß mit dem Fuß gegen das Gehäuse. Elf Komma null. „Dein Holländer kann wiegen.”

Kerstin lehnte im Türrahmen, die Haare noch strähnig vom zweiten Duschen. „Im Wasser waren es mehr.”

„Im Wasser ist alles leichter. Auftrieb. Lernt man in der Schule, hab ich gehört.”

„Es waren mehr.”

Er hörte auf zu grinsen und sah auf die Plombe. Ein Bleiknopf am Griff, drei kurze Striche über einem Kreis, sauber eingedrückt, das Blei nicht einmal angelaufen. Er hatte das Zeichen heute Nacht in drei offenen Verzeichnissen gesucht, und es stand in keinem.

„Brandt hat angerufen”, sagte Kerstin. „Smit zahlt den Rest Dienstagabend. Nach der Bergung. Wenn die Polizei den Kofferraum aufgemacht und nichts gefunden hat.”

„Neun Riesen EC dafür, dass irgendwo nichts drin ist.” Dobs pfiff durch die Zähne. „Ich will auch so einen Job.”

„Ich will vorher wissen, was der Halter weiß.”

Mitsuhama. Fuhrpark Heerdt. Hinter Dobs’ linkem Ohr, wo Kreys Wandler saß, fing es an zu kribbeln, bevor er gefragt hatte, ob er durfte.

„Gesa sagt, nicht allein.”

„Ich sitz daneben.” Sie holte den Küchenstuhl und stellte ihn neben die Matratze. „Sag mir, woran ich merke, dass ich ziehen muss.”

„Wenn ich aufhöre zu reden.”

„Du hörst nie auf zu reden.”

„Eben.”


Der Fuhrpark von Mitsuhama Deutschland war eine weiße Halle ohne Decke, so lang, dass ihr Ende nicht kam.

An der linken Wand lief ein Schlüsselbrett. Haken an Haken, und an jedem hing ein Schlüssel mit einem Anhänger, auf dem ein Kennzeichen stand. Die Schlüssel atmeten. Alle paar Herzschläge lief durch jeden ein schwaches Licht — Standort, Tank, Kilometer, Innenraum —, und dann lag er wieder still.

„Die haben ein Schlüsselbrett”, sagte Dobs laut, damit draußen jemand etwas hörte. „Ehrlich. Hunderte Wagen, und die bauen sich ein Schlüsselbrett.”

Er blieb am Eingang stehen und rührte sich nicht. Eine Schranke gab es hier nirgends. Hier wusste alles schon, wem es gehörte, und wer kam, ohne dazuzugehören, stand allein schon dadurch auf einer Liste. Er ließ sich Zeit, bis das Licht dreimal durch die Reihe gelaufen war. Niemand kam.

Dann ging er das Brett entlang, D-MH, aufsteigende Nummern, und zählte halblaut mit.

Der Haken für 2208 war leer. Statt des Schlüssels hing daran nur der Anhänger, und der war rot.

Vorgang 3-0917. Fahrzeug außer Betrieb. Fahrer: Verbeek, J. — Kennung ruht bis Klärung.

„Joost heißt Verbeek”, sagte Dobs. „Und seine Kennung ist zu. Seit heute früh.”

Von draußen kam Kerstins Stimme, flach und weit weg. „Weiter.”

Er legte zwei Finger an den roten Anhänger, ganz leicht, und das Fahrtenbuch rollte sich aus ihm heraus und legte sich vor ihm in die Luft, Zeile unter Zeile.

Fr 21:58 — Ausfahrt Tor Heerdt, Kennung Verbeek. Fr 22:31 — Halt, Hafen Düsseldorf, Becken B. Motor aus. Fr 22:34 — Heckklappe offen. Fr 22:36 — Heckklappe geschlossen. Fr 23:19 — Uedesheim, Am Deich. Fr 23:26 — Rückwärtsgang. Fr 23:28 — Wassereintritt.

„Sein eigener ist nicht angesprungen, hat der Onkel gesagt. Kann sein. Aber er hat vorher in Düsseldorf am Hafen gehalten, und hinten war zwei Minuten auf.” Dobs las weiter. „Und an der Rampe ist er rückwärts runter. Rückwärts an eine Rampe fährt man, wenn man etwas in ein Boot laden will.”

Darunter liefen die Stundenmeldungen. Ein Wagen unter Wasser meldet weiter, solange die Batterie hält, und diese hielt. Position unverändert. Innenraum 14 °C. Samstag, ganzer Tag. Sonntag, ganzer Tag. Vierzehn Grad, Stunde um Stunde, in einem Fluss, der zwölf hatte.

„Der hatte es warm da unten”, sagte Dobs. „Zwei Tage lang. Zwei Grad mehr als der Rhein. Das hast du gesehen, oder? Das war dein Fleck.”

„Weiter.”

So 23:41 — Position +31 m. Innenraum 12 °C. So 23:49 — letzte Meldung.

Und dann, in einer anderen Schrift, gerade und ohne Abstände:

Mo 07:12 — Werkschutz: Eigenbergung angesetzt, Mo 21:30, Taucher bestellt. Wasserschutzpolizei verständigt, Bergung Di entfällt.

Dobs las es zweimal. „Heute”, sagte er. „Die holen ihn heute Abend selbst. Halb zehn. Mit eigenem Taucher. Und der Taucher sieht die Rückbank.”

Am anderen Ende der Halle ging jemand das Brett entlang.

Er sah ihn erst, als er schon näher war, weil er weiß war, weiß in einer weißen Halle. Eine Gestalt in einem Kittel, ohne Gesicht, mit weißen Handschuhen. Sie berührte jeden Schlüssel, Haken für Haken, und jeder Schlüssel gab ihr dabei sein Licht, und sie ging weiter. Sie zählte. Sie war schnell.

„Da kommt einer”, sagte Dobs. „Der fasst alles an. Ich bin noch dran.”

Er drehte den roten Anhänger um. Auf der Rückseite standen die Zugriffe auf den Vorgang. Werkschutz, Werkschutz, Fuhrparkleitung, Werkschutz. Und dazwischen eine Zeile, die nicht aus Heerdt kam:

So 23:44 — Lesezugriff extern, Anschluss Hafen Düsseldorf.

Drei Minuten. Drei Minuten, nachdem der Wagen ins Fahrwasser gerutscht war, hatte jemand vom Düsseldorfer Hafen aus nachgesehen, was mit ihm war. Dobs las die Zeile noch einmal, damit er sie behielt, und während er las, schrieb sich darunter eine zweite.

Mo 10:52 — Lesezugriff extern.

Er selbst. Ohne Anschluss dahinter, weil er keinen hatte. Nur die Uhrzeit.

Die Gestalt war drei Haken entfernt. Sie hob die Hand nach dem nächsten Schlüssel und hielt mitten in der Bewegung an, und der Kopf ohne Gesicht drehte sich zu dem roten Anhänger, an dem noch Dobs’ Finger lag.

Er hörte auf zu reden.

Der Zug kam von hinten, durch den Nacken, durch das linke Ohr, und die weiße Halle klappte nach oben weg.


Er lag auf der Matratze, und sein linkes Ohr pfiff einen einzigen hohen Ton. Kerstin hielt das Kabel noch in der Faust.

„Du hast mittendrin aufgehört”, sagte sie.

„Hab ich gesagt.” Er setzte sich auf und wartete, bis die Wand still stand. „Der hat eine Uhrzeit von mir, sonst nichts. Zehn zweiundfünfzig, extern, kein Anschluss. Das ist alles, was die von mir haben.”

„Und die drei Minuten?”

„Hafen Düsseldorf. Becken B.” Er zog das Terminal vom Boden auf die Knie. Für das hier brauchte er den Wandler nicht. „Das Hafenamt hängt die Liegeplätze aus. Muss es, wegen der Feuerwehr. Lesen darf jeder.”

Es dauerte keine Minute. Becken B, Liegestellen eins bis zweiundzwanzig, Schiffsname, Flagge, Eigner, belegt seit. Er fuhr mit dem Finger die Spalte hinunter.

„Liegestelle vierzehn. MS Waalkant, niederländische Flagge, Reederei Van Dijk, Nijmegen. Liegt da seit Donnerstag.”

Kerstin sagte einen Moment nichts.

„Das stand auf seiner Jacke”, sagte sie dann. „Van Dijk.”

Dobs sah durch die offene Badtür auf den Koffer, der noch auf der Waage stand, elf Komma null, und auf die Plombe, die keiner aufgemacht hatte. „Also. Der Onkel lädt selbst ein, in einen Konzernwagen. Der Neffe setzt rückwärts an eine Rampe, für ein Boot, das wir nicht kennen. Der Wagen geht unter, zwei Tage hält ihn irgendwas fest und warm, und drei Minuten nachdem du ihn losgemacht hast, schaut einer vom Liegeplatz des Onkels nach.” Er hob die Schultern. „Kann der Onkel gewesen sein. Muss nicht.”

„Und der Junge?”

„Der Junge hat seit heute früh keine Kennung. Wenn die heute Abend die Rückbank sehen, hat er auch keinen Job mehr, und dann wollen die wissen, wem er geholfen hat.” Dobs rieb sich das Ohr. Der Ton wurde nicht leiser. „Der hat am Ufer die Leine gehalten. Der weiß nichts. Der hat nur das gemacht, was man ihm gesagt hat.”

Kerstin stand auf, ging ins Bad und kam mit dem Koffer zurück. Sie trug ihn rechts, am Griff, und der linke Arm hing locker daneben. Dann nahm sie das Telefon vom Fensterbrett und wählte, ohne nachzusehen.

„Brandt. Sag Smit, wir übergeben nicht Dienstag.” Sie hörte kurz zu. „Heute, um acht, an seinem Liegeplatz. Er bringt den Jungen mit. Und er sagt mir, wer am Freitag mit einem Boot an der Rampe hätte warten sollen.”