▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 114 — Liegestelle vierzehn

Der Hafen Düsseldorf roch nach Diesel und nassem Beton und war um fünf vor acht heller als Neuss am Mittag. Hinter den Containerreihen stand die Stadt in Glas.

Die Waalkant lag an vierzehn, achtzig Meter schwarzer Rumpf, die Luken zu, im Steuerhaus Licht. Der Wind schob kleine graue Wellen durch das Becken und gegen die Spundwand.

Bis auf einen Streifen. Zwischen Rumpf und Kaimauer, und vorn um den Bug herum, lag das Wasser glatt. Eine leere Flasche trieb mit den Wellen darauf zu, erreichte den Rand und blieb dort liegen, den Hals nach vorn.

„Ich sag’s nur, damit es gesagt ist”, sagte Jeck. „Das Wasser da benimmt sich nicht.”

Kerstin stand neben ihm, den Koffer rechts, und sah auf das Schiff. Ihre Augen gingen einmal von achtern bis zum Bug, langsam, durch Blech hindurch.

„Drei”, sagte sie. „Zwei im Steuerhaus. Einer unten bei der Maschine, und die Maschine ist warm.” Sie hielt ihm den Koffer nicht hin. „Ich bleib hier. Du gehst rauf und redest. Wenn er zahlt, rufst du.”

„Und wenn er nicht zahlt?”

„Dann redest du länger.”

Der Landgang war Aluminium mit Querleisten, gut drei Meter lang, und unter ihm lag der glatte Streifen. Jeck ging darüber, ohne hinunterzusehen. Es gibt Dinge, die man sich für später aufhebt.


Smit saß in der Kombüse hinter dem Steuerhaus an einem Tisch mit erhöhtem Rand, damit bei Seegang nichts herunterfiel, auf einem Rhein, auf dem es keinen Seegang gab. Vor ihm lag der Zettel mit den Pegelständen. Joost saß neben ihm, die Hände zwischen den Knien, und stand auf, als Jeck hereinkam, und setzte sich gleich wieder.

„Sie sind nicht Olivia”, sagte Smit.

„Ich bin der, der redet. Sie steht an der Mauer und passt auf Ihren Koffer auf.” Jeck setzte sich ungefragt gegenüber. „Elf Kilo. Trocken nachgewogen. Plombe zu.”

„Gut.”

„Ein paar Sachen vorher. Freitagabend, zweiundzwanzig Uhr einunddreißig, hält ein Mitsuhama-Poolwagen hier am Becken, und die Heckklappe ist zwei Minuten offen. Der Wagen schreibt das selber auf. Wer hat eingeladen?”

Smit sah ihn an und lächelte nicht. „Ich.”

„Warum ein Konzernwagen?”

„Weil der Zoll am Tor keine Klappe aufmacht, auf der Mitsuhama steht. Der Junge fährt jeden Tag raus und rein. Keiner fragt.” Smit drehte den Zettel um, auf die saubere Seite. „Er sollte bis Uedesheim. Dort wartet ein Boot an der Rampe, nimmt den Koffer, fertig. Der Wagen ist vor Mitternacht wieder in Heerdt.”

„Das Boot hat nicht gewartet.”

„Ruud Kamphuis. Arbeitsboot, liegt in Hitdorf. Freitag um neun hat ihn einer angerufen. Nicht kommen, Wasserschutz an der Fähre. Das war gelogen. Wer angerufen hat, weiß Ruud nicht. Die Nummer war vom Hafen.”

„Von diesem hier.”

„Von diesem hier.”

Jeck legte die Hände auf den Tisch, flach, und ließ sie liegen. „Sonntagnacht, dreiundzwanzig vierundvierzig. Drei Minuten nachdem der Wagen ins Fahrwasser gerutscht ist, liest einer vom Anschluss Hafen Düsseldorf den Vorgang nach. Sie?”

„Ich habe Funk und einen Pegel.” Smit zeigte mit dem Kinn zur Decke. „Das Schiff hängt am Landstrom, und der Landstrom hängt am Hafen. Alle zweiundzwanzig Liegestellen in Becken B. Jeder Schiffer hier kann lesen, was er will, wenn er weiß, wie. Ich weiß es nicht.”

Das war die Stelle, an der man nachbohren sollte. Jeck bohrte nicht. Smit log in Gewichten nicht, das hatte die Waage in Weckhoven gezeigt, und bei Leitungen log er vermutlich auch nicht, weil er keine verstand.

„Die Leute auf der Jacke”, sagte Jeck. „Van Dijk. Und hinter Van Dijk die Penose.”

„Hinter Van Dijk steht der Pegel. Zwei Meter acht, fallend.” Smit legte den Finger auf die Zahl. „Für wen ich fahre, steht nicht auf dem Zettel.”

Joost sah von einem zum anderen. „Was ist mit meiner Kennung?”

„Ruht”, sagte Jeck. „Heute um halb zehn holt der Werkschutz den Wagen selber raus, mit eigenem Taucher, und der Taucher sieht die Rückbank. Aufgeschnitten. Von innen. Dann fragen die nicht mehr, wo der Wagen war, dann fragen die, für wen du ihn geholt hast.”

„Ich hab ihn nicht geholt. Ich hab ihn mir geliehen. Meiner ist nicht angesprungen.” Joost hörte sich selbst und sagte es noch einmal. „Meiner ist wirklich nicht angesprungen.”

„Er fährt mit”, sagte Smit. „Heute. Nijmegen. Morgen früh ist er über die Grenze, und an Bord fragt keiner nach einer Kennung.”

„Ich will das erklären. Ich fahr da seit einem Jahr —”

„Er fährt mit.”

Jeck ließ das eine Sekunde stehen. Kerstins Bedingung war der Junge gewesen, und der Junge saß hier und wurde weggefahren, von dem einzigen Menschen, der ihm etwas schuldete. Brauchbar war die Antwort. Gehört hat sie Smit.

„Dann zahlen Sie den Rest jetzt”, sagte Jeck. „Nicht Dienstag. Ihr Halter findet heute Abend einen leeren Kofferraum. Das war die Bedingung, und die ist um halb zehn erfüllt, ob wir dabei sind oder nicht.”

Smit stand auf, nahm eine Teedose vom Bord über dem Herd und stellte sie auf den Tisch. Darin lagen Scheine, gebündelt, mit Gummis.

„Neun Riesen EC”, sagte er. „Zählen Sie.”

Jeck zählte. Es waren neun. Er steckte sie ein, ging hinaus an die Reling und hob die Hand.


Kerstin kam bis an das Ende des Landgangs und blieb dort stehen.

„Ich bring ihn rüber”, sagte Jeck. „Du hast die Mauer. Ich hab auch gern mal was zu tragen.”

Sie sah ihn an, eine halbe Sekunde zu lang, und gab ihm den Koffer.

Er war elf Kilo schwer. Er drehte sich um und ging, eine Leiste, zwei, drei, und als er über der Mitte war, über dem glatten Streifen, wurde der Koffer schwer.

Es zog. Mit einem Mal und von unten, mit einer Kraft, die mit elf Kilo nichts zu tun hatte. Jecks rechter Arm ging gerade nach unten, die Schulter mit, und der Landgang kippte unter ihm, weil sich das ganze Schiff zur Mauer hin neigte. Achtzig Meter Stahl legten sich zu ihm herüber. Die Reling des Landgangs kam ihm entgegen, er hing mit der Hüfte darüber und mit dem Koffer im Leeren, und darunter wurde der Spalt zwischen Rumpf und Spundwand schmal und schwarz und glatt.

Loslassen. Das war das Vernünftige. Neun Riesen EC in der Jacke und ein Junge, der nach Nijmegen fuhr. Er ließ nicht los.

Er sah Kerstin nicht kommen. Eben stand sie noch am Ende des Landgangs, und dann lag ihre rechte Hand in seinem Gürtel, und er wurde rückwärts gezogen, über die Querleisten, gegen den Zug, mit dem Koffer, und das Aluminium kreischte unter ihren Stiefeln. Zwei Schritte. Drei. Dann war unter ihm Deck.

Der Koffer wog elf Kilo.

Die Waalkant richtete sich auf, langsam, und blieb liegen. Jeck setzte sich auf die Planken, weil die Beine das so wollten.

„Danke”, sagte er, und die Stimme kam oben nicht ganz an. Er räusperte sich und versuchte es lockerer. „Ich trag dann wieder nur Gespräche.”

Kerstin antwortete nicht. Sie sah über die Reling hinunter.

Smit kam aus dem Steuerhaus, nahm den Koffer, ohne ihn anzusehen, und trug ihn hinein. Dann ging er zurück ans Ruder, und unter den Planken sprang die Maschine an. Das Deck zitterte. Achtern quirlte die Schraube das Wasser weiß.

Jeck wartete darauf, dass sich die Mauer entfernte.

Sie entfernte sich nicht. Die Schraube drehte, das Wasser hinter dem Heck kochte, und die Waalkant lag still. Die Festmacher an den Pollern hingen durch, vorn und achtern, lose bis ins Wasser. Was die Waalkant hielt, lag unter Wasser.

Smit nahm den Hebel zurück. Die Maschine lief leer. Er kam heraus und stellte sich neben Jeck an die Reling, und zum ersten Mal an diesem Abend hatte er keine Zahl dafür.

Joost war hinter ihm aus der Kombüse gekommen. Er sah über die Bordwand auf den glatten Streifen, der jetzt um das ganze Schiff lief, von achtern bis zum Bug.

„So lag das Wasser am Freitag auch”, sagte er. „Vier Meter vor der Rampe. Bevor ich rückwärts runter bin.”