Kapitel 115 — Maschinenraum
Die Säule für den Landstrom stand an der Kaimauer neben Poller vierzehn, grau lackiert, mit einer Wartungsklappe, und hinter der Klappe saß eine Buchse, an der kein Schloss hing.
„Steht so in der Hafenordnung”, sagte Dobs. „Da muss jeder Elektriker dran können. Nachts auch.”
Er saß auf dem Beifahrersitz, auf den Knien das, was Krey die Reisefassung seines Gestells nannte: ein mattes Kästchen mit zwei Leitungen. Die eine lief durch das halb offene Fenster in die Buchse. Die andere hielt er Mox hin.
Mox nahm sie mit links. Die rechte Hand lag verbunden auf seinem Oberschenkel, und dort sollte sie liegen bleiben.
Durch die Windschutzscheibe sah er die Waalkant, schwarz und lang, und an der Reling zwei Gestalten. Jeck hielt sich die Schulter, ohne es zu merken. Kerstin sah aufs Wasser. Den glatten Streifen konnte Mox von hier aus nicht erkennen. Früher hätte er nur hinsehen müssen.
„Viertel nach neun”, sagte Dobs. „In einer Viertelstunde geht in Uedesheim ein Taucher runter. Wenn wir das hier wissen wollen, dann jetzt.”
„Dann jetzt.”
Dobs schob sich den Stecker hinter das linke Ohr und verzog das Gesicht. Mox setzte seinen an.
Der Hafen war ein Haus.
Lang und niedrig, gelber Klinker, eine Reihe Fenster, zweiundzwanzig, und unter jedem eine Nummer in weißer Farbe. Davor lag kein Wasser, nur eine schwarze, ebene Fläche, und aus ihr kamen Leinen, zu jedem Fenster eine, straff gezogen.
„Liegestellen”, sagte Dobs neben ihm. Im Netz stand er gerader als draußen. „Jedes Schiff zieht seinen Strom durchs Fenster. Man sieht, wer wie viel nimmt. Und wer telefoniert.” Er zeigte nach oben, auf ein Türmchen über der Mitte des Hauses, mit einer runden Uhr ohne Ziffern. „Da wohnt der Hafen. Da gehen wir nicht hin.”
Er ging zu Fenster vierzehn, und Mox ging hinter ihm her.
Hinter Fenster vierzehn hingen zwei Leinen.
„Brücke”, sagte Dobs und legte die Hand an die erste. „Funk, Pegeldienst, Wetter. Ehrlich, der Mann liest nur Wasserstände.” Er ließ los und fasste die zweite. „Und Maschine.”
Mox sah es an Dobs’ Gesicht, bevor Dobs etwas sagte.
„Freitag, einundzwanzig Uhr zwei. Gespräch nach Hitdorf, eine Minute zehn.” Dobs las es aus der Leine, Knoten für Knoten, mit dem Daumen. „Sonntag, dreiundzwanzig vierundvierzig. Lesezugriff Mitsuhama Deutschland, Fuhrpark Heerdt, Vorgang drei-null-neun-siebzehn.” Er drehte den Kopf. „Das ist der Maschinenraum. Der Dritte. Der unten bei der Maschine, den Kerstin gezählt hat.”
„Steht ein Name dran?”
„Nur der Anschluss. Aber der ist —”
Die Leine in seiner Hand ruckte. Am anderen Ende zog jemand, einmal, kurz, und hinter Fenster vierzehn, das bis eben dunkel gewesen war, ging Licht an. Ein Umriss stand darin, breit, die Ärmel hochgeschoben, und er sah heraus. Auf sie.
„Der ist drin”, sagte Dobs leise. „Jetzt gerade. Der sieht uns.”
Oben im Türmchen rückte der Zeiger der Uhr ohne Ziffern ein Stück weiter, und das Geräusch kam bis unten an.
Mox wartete nicht, bis jemand fragte. Er griff sich mit der linken Hand hinters Ohr und zog, und das Haus fiel weg.
Der Landgang trug ihn. Er hatte nichts in der Hand.
Kerstin stand oben an der Reling. „Wer?”
„Der unten.”
Sie ging voraus, eine steile Stahltreppe hinunter, durch eine Tür mit Gummidichtung. Dahinter war es heiß und laut, der Diesel lief leer und schüttelte alles, was nicht festgeschraubt war: das Werkzeug in der Wandhalterung, eine Thermoskanne, die Lampe über der Werkbank.
Der Mann an der Werkbank war um die fünfzig, blondgrau, die Unterarme voller Öl bis zum Ellbogen. Vor ihm auf einem Bord stand ein Terminal, und die Anzeige war noch hell.
„Ihr seid die vom Koffer”, sagte er. Sein Deutsch hatte die Kanten abgeschliffen. „Ich bin Tjerk. Ich mach die Maschine.”
„Sie haben Freitag um neun Ruud Kamphuis abbestellt”, sagte Mox. „Von hier unten. Und Sonntagnacht haben Sie nachgesehen, ob der Wagen noch liegt. Drei Minuten nachdem er losgekommen ist.”
„Ich hab einen Diesel mit achtzehntausend Stunden. Ich hab keine Zeit für Telefon.”
Kerstin stand neben der Tür und sah nicht auf ihn. Sie sah auf die Werkbank, auf ein Einmachglas zwischen Schraubzwingen, voll trübem Wasser, mit einem flachen Kiesel am Boden.
„Das Glas”, sagte sie.
Mox sah hin. Alles im Raum zitterte mit der Maschine: die Kanne, die Schlüssel, die Lampe, das Glas selbst auf dem Holz. Das Wasser darin lag still.
„Rheinwasser von der Rampe in Uedesheim”, sagte Mox. „Und ein Stein von da. Sie haben ihm Freitag gesagt, halt das fest, bis ich komme. Er hat den Wagen gehalten, weil der Koffer drin war. Dann den Koffer, als sie ihn rausgeholt hat. Jetzt hält er das Schiff, weil der Koffer an Bord ist. Er macht genau, was man ihm sagt. Weiter nichts.”
„Hij luistert”, sagte Tjerk. „Das ist mehr, als ich von Smit sagen kann.”
„Seit Freitag. In einem Becken, in dem nichts fließt.” Mox trat einen Schritt näher an die Werkbank. Er hätte jetzt die Form dessen sehen müssen, was unter dem Schiff lag. Er sah ein Glas Wasser. „Ich muss ihn nicht sehen. Ich weiß, wie lange einer hält, den man nicht freigibt. Irgendwann ist sein Dienst um, und dann geht er dahin zurück, wo er herkommt. Nach unten. Und er nimmt mit, was er gerade hält.”
Tjerk sah das Glas an.
„Drei Leute an Bord”, sagte Kerstin. „Einer davon ist neunzehn.”
„Ik weet het.” Tjerk wischte sich die Hände an der Hose ab, langsam, Finger für Finger, und er sah dabei auf das Wasser. „Ich wollte ihn Dienstag holen. Mit Ruuds Boot, nachts. Dann hat der Junge rückwärts in die Stelle gesetzt, und dann wart ihr da.”
„Für wen?“, fragte Kerstin.
„Für einen, der besser zahlt als die Leute auf Smits Jacke.” Mehr kam nicht.
Er steckte die Hand in das Glas, bis zum Handgelenk, und holte den Kiesel heraus. Dann goss er das Wasser in die Bilge, durch das Gitter im Boden, und hielt sich mit der freien Hand an der Werkbank fest. Aus seiner Nase lief Blut, erst links, dann auf beiden Seiten, dunkel über die Oberlippe. Er ließ es laufen.
Über ihnen knallte etwas. Einmal vorn, einmal achtern, laut, zwei Festmacher, die auf einen Schlag Last bekamen. Die Waalkant ging einen halben Meter von der Mauer weg, langsam, und schwankte zurück, und der Boden unter Mox’ Füßen war wieder ein Boden auf Wasser. Mox fand die Kante der Werkbank mit der linken Hand.
Smit kam die Treppe herunter, sah das Glas, den Kiesel, das Blut und fragte nichts.
„In Emmerich gehst du von Bord.”
„Emmerich”, sagte Tjerk. Er legte den Stein auf die Werkbank, neben die Thermoskanne, und drückte den Handrücken unter die Nase.
Oben an Deck stand Joost an der Reling und sah auf das Wasser, das jetzt in kleinen grauen Wellen bis an die Bordwand kam und an ihr hochklatschte.
„Halb zehn”, sagte er, als Mox heraufkam. „Jetzt geht der Taucher runter.”
„Und du?“, fragte Kerstin.
Joost schob die Hände in die Jackentaschen und nahm sie wieder heraus. „Heerdt. Ich hab den Wagen genommen, ich sag, dass ich ihn genommen hab. Was hinten drin war, weiß ich nicht. Das stimmt sogar.” Er sah zu seinem Onkel. „Stimmt doch.”
Smit sah ihn lange an und widersprach nicht.
„Ich fahr dich”, sagte Kerstin. „Bis vors Tor.”
Jeck war schon am Landgang. Unten am Kai saß Dobs im offenen Wagen, das Gestell auf den Knien, und machte mit dem Daumen das Zeichen für: Uhr. Der Hafen hatte sich die Minute gemerkt.
Smit blieb neben Mox an der Reling stehen und zog den Zettel mit den Pegelständen aus der Brusttasche.
„Der Junge hat einen Platz gehabt”, sagte er. „Bis Nijmegen. An Bord fragt keiner nach einer Kennung. Den Platz hat jetzt keiner.” Er sah auf den Zettel statt auf Mox. „Einmal. Für wen ihr wollt. Ich fahr jede zweite Woche.”
Mox dachte an die Belegschaftsliste der Raupenbahn, auf der vier Plätze standen und kein fünfter, und an den Jungen unten im Wagen, der den Durchschlag davon bei sich trug.
„Schreiben Sie’s auf”, sagte er. „Auf die saubere Seite.”