▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 116 — Zahlung ruht

Im Flur der Pension hing ein Wandtelefon mit Münzschlitz, darunter eine Ablage für Kleingeld, und unter der Ablage eine Blechklappe, auf der in abgeblättertem Gelb SERVICE stand.

„Die lassen sie überall dran”, sagte Dobs. „Für den Techniker. Der Techniker kommt nie.”

Er saß im Schneidersitz auf dem Linoleum, die Klappe offen, Kreys Reisefassung auf den Knien. Auf dem matten Kästchen klebte ein Streifen Isolierband, und auf dem Band stand in Kreys Druckschrift 12:00. Krey hatte gestern Nacht nichts dazu gesagt. Er hatte das Band geklebt und war gegangen.

Odenthal stand in der Tür von Zimmer sieben, in Hausschuhen und einem Hemd, das er gebügelt hatte, obwohl er nirgendwo hinging. Kerstin lehnte am Treppengeländer. Jeck saß zwei Stufen darunter und hielt die zweite Leitung in der linken Hand, weil die rechte Schulter seit gestern nicht mehr mitmachte.

„Noch mal”, sagte Kerstin. „Was haben die am Telefon gesagt?”

„Haben Sie schon mal da angerufen?” Odenthal wartete die Antwort nicht ab. „Bescheid ist ergangen. Am neunundzwanzigsten. An Ihre Anschrift. Mehr sagen die nicht durchs Telefon, weil jeder anrufen kann.” Er sah auf das Wandtelefon. „Meine Anschrift ist die Küche.”

Die Küche in Selikum, in der zwei Männer ihn Anfang September festgehalten hatten. Dort war er seitdem nicht mehr gewesen.

„Ich brauch Ihre Versichertennummer”, sagte Dobs. „Mit der darf man lesen. Mehr nicht.”

Odenthal sagte sie auf, zwölf Stellen, ohne Pause, die Hände dabei in den Hosentaschen.

Dobs schrieb sie sich auf den Handrücken, schob den Stecker hinter das linke Ohr und sah zu Jeck.

„Ich fass nichts an”, sagte Jeck. „Ich les nur mit. Du sagst, wo es langgeht.”


Die Berufsgenossenschaft war ein Wartesaal.

Hoch, mit Milchglas statt Decke und einem Licht, das von nirgendwo kam. Stuhlreihen, aneinandergeschraubt, so viele, dass die hinteren im Grau verschwammen, und auf fast jedem Stuhl saß jemand: graue, geduldige Formen ohne Gesicht, jede mit einer Akte auf den Knien, und jede hob und senkte sich ein wenig, ganz langsam, im selben Takt.

Vorn eine Reihe Schalter hinter Glas, sechs Stück, darüber eine Anzeige mit roten Ziffern. Neben dem Eingang ein Nummernspender.

„Keine ziehen”, sagte Dobs. „Wer zieht, wird aufgerufen.”

Jeck stand neben ihm und sah über die Reihen. Im Netz hielt er die Schulter gerade, die draußen hing. „Das sind alles Vorgänge?”

„Alles Leute. Die warten auf einen Bescheid, oder auf Geld, oder darauf, dass einer ihre Akte anfasst.” Dobs ging die erste Reihe entlang. Die Formen rührten sich nicht. Auf jeder Akte stand eine Nummer, und die Nummern waren sortiert, wenn man wusste, wonach. Nach Unfalltag. Februar lag weit hinten.

Er fand ihn in der elften Reihe. Eine Form unter vielen, etwas schmaler, die Akte mit beiden Händen festgehalten. Dobs las die zwölf Stellen von seinem Handrücken ab, verglich, und die Akte ging unter seinem Blick auf, ohne dass die Form sie losließ.

Unfall vom 2. Februar, Nachtschicht. Anerkannt als Arbeitsunfall.

Rente nach einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von dreißig vom Hundert, vorläufig. Monatlich 1.140 neue Mark. Nachzahlung ab Mai: 6.840 neue Mark.

Dobs las es zweimal. „Der kriegt was. Der kriegt richtig was.”

„Weiter unten”, sagte Jeck.

Unter dem Bescheid hingen zwei Vermerke, mit Uhrzeit und Kürzel.

Zustellung durch Niederlegung, 30.09. Nicht abgeholt. Zahlung ruht bis zur Bestätigung der Anschrift.

Auskunftsersuchen zum Aufenthalt des Versicherten, Angehörige, 15.09. Berechtigtes Interesse nicht glaubhaft gemacht. Abgelehnt.

Jeck las den zweiten Vermerk noch einmal, Wort für Wort, mit dem Finger in der Luft unter der Zeile, ohne sie zu berühren.

„Berechtigtes Interesse”, sagte er. „Das Wort schreibt nur hin, wer schon mal mit so einem Formular abgeblitzt ist.”

„Oder eine Schwester, die einen kennt, der’s weiß.”

„Oder das.”

Vorn über den Schaltern klackte die Anzeige.

Dobs sah hoch. Die roten Ziffern waren weitergesprungen, auf eine Nummer, die keiner gezogen hatte, und über Schalter drei ging eine Lampe an. Die Form in Reihe elf stand auf. Langsam, die Akte vor der Brust. Sie drehte sich zu den Schaltern, und dann drehte sie den Kopf ohne Gesicht zu Dobs, der ihre Akte geöffnet hatte.

„Der ruft ihn auf”, sagte Dobs. „Weil einer die Akte aufgemacht hat. Der denkt, er ist da.”

Hinter dem Glas von Schalter drei lag ein Formular, und es füllte sich von selbst: Versicherter anwesend. Bestätigung der Anschrift erforderlich. Rückruf an anrufende Leitung.

„Anrufende Leitung.” Jeck drehte sich zu ihm. „Das sind wir.”

Dobs griff hinter sein Ohr.


Er war noch nicht ganz draußen, das Linoleum kippte noch, da klingelte über seinem Kopf das Wandtelefon.

Laut. Altmodisch laut, mit einer echten Glocke, und hinter einer der Türen im Flur drehte jemand ein Radio leiser. Dobs riss die Leitung aus der Servicebuchse, und das Telefon klingelte weiter. Jeck zog sich den Stecker heraus und hielt sich am Geländer fest.

„Das ist für Sie”, sagte Dobs zu Odenthal. „Die rufen zurück. Die wollen wissen, wo Sie wohnen. Erst dann zahlen die.”

Odenthal sah das Telefon an und rührte sich nicht.

„Was zahlen die?”

„Elfhundertvierzig neue Mark im Monat. Und eine Nachzahlung seit Mai, fast siebentausend.”

Das Klingeln ging weiter. Dritter Ton, vierter.

„Bevor Sie rangehen”, sagte Jeck. Er stand auf, langsam, und es kostete ihn etwas. „Mitte September hat jemand bei der Berufsgenossenschaft gefragt, wo Sie sind. Als Angehörige. Die haben abgelehnt. Wenn Sie jetzt die Pension nennen, steht sie in dem Ordner, den diese Angehörige schon einmal lesen wollte.”

„Welche Angehörige?”

„Steht nicht dabei.”

„Ich hab eine.” Odenthal sagte es zu niemandem. Fünfter Ton. „Wer hat das hier bis jetzt bezahlt?”

„Wir”, sagte Kerstin. „Bis Ende Oktober.”

„Und ab November?”

Kerstin sah ihn an, dann an ihm vorbei auf die Tapete zum Nachbarzimmer, eine Sekunde lang mit dem flachen Blick, den sie bekam, wenn sie Wärme las. Dann wieder auf ihn.

„Sie”, sagte sie.

Odenthal nahm den Hörer ab.

„Ja.” Eine Pause. Am anderen Ende sprach eine Stimme, gleichmäßig, die Dobs bis auf die Treppe hörte, ohne die Wörter zu verstehen. Odenthal sagte seine zwölf Stellen auf, dieselben, ohne Pause. Dann nannte er die Straße hinter dem Bahnhof, die Hausnummer, und dazu: „Zimmer sieben. Über dem Wettbüro.” Er hörte zu. „Ja. Bestätigt.”

Er legte nicht auf. Er hielt den Hörer ans Ohr, bis am anderen Ende nichts mehr kam, und dann noch ein bisschen.

Dobs wickelte die Leitung um das Kästchen, Schlaufe um Schlaufe, und sah auf Kreys Isolierband. Zehn nach elf.

„Das Geld”, sagte Odenthal. „Wann?”

„Steht nicht drin”, sagte Dobs. „Aber es ruht nicht mehr.”

Odenthal nickte nicht und bedankte sich nicht. Er stand mit dem Hörer in der Hand am Wandtelefon und sah auf die Ablage für Kleingeld.

Jeck griff in die Seitentasche seiner Jacke. Dobs wusste, was da drin war: eine umgedrehte Preisliste mit einer Telefonnummer, seit einem Monat in der Tasche, in die bei Jeck keine Arbeit kam. Er hielt sie halb heraus.

Odenthal sah sie nicht an. Er drückte mit dem Daumen auf die Gabel, ließ los, warf eine Münze ein und wählte die Nummer aus dem Kopf, langsam, Ziffer für Ziffer, und wartete mit dem Hörer am Ohr, die andere Hand flach an der Wand.