Kapitel 117 — Schicht drei
Halm hatte die Lampe über dem Behandlungsstuhl so tief gezogen, dass Kerstin ihre Wärme auf dem Unterarm spürte.
„Zu”, sagte er und drückte mit zwei Fingern neben die Narbe, links, rechts, oben. „Zu ist zu. Stabil ist was anderes. Wenn du noch mal einen erwachsenen Mann an diesem Arm hochziehst, näh ich nicht mehr. Dann schneid ich ab und verkauf dir was Hübsches.”
„Was kostet was Hübsches?”
„Mehr, als du willst.” Er streifte die Handschuhe ab und warf sie in den Eimer unter der Spüle. „Mittwochs mach ich um zehn zu. Es ist zehn.”
Oben schlug die Kellertür gegen die Wand.
Kerstin war vom Stuhl, bevor der Schritt auf der ersten Stufe ankam. Ein Mann kam die Treppe herunter, zu schnell, die Schulter am Putz entlang. Mitte dreißig, Arbeitsjacke mit dem gelb-roten Maggi-Aufnäher, den in Neuss jedes Kind kannte. Den rechten Arm hielt er mit dem linken fest, am Handgelenk, und die rechte Hand war eine Faust aus mattgrauem Kunststoff, in der ein Fetzen Schrumpffolie steckte.
„Doc. Der geht nicht auf.”
„Benno.” Halm sah nicht auf den Arm, er sah auf die Uhr über der Tür. „Wir hatten Donnerstag gesagt. Wegen der Raten.”
„Der ging mitten in der Schicht zu.” Stöcker setzte sich auf die unterste Stufe, weil die Beine es so wollten. „Halle vier, ich hab ’ne Palette Würfel auf der Gabel, Hühnerbrühe, achtzig Kartons, und die Hand macht zu. Am Steuer. Und lässt nicht los. Ich fahr mit dem Ding rückwärts in die Regale, und der Schichtleiter steht daneben.” Er atmete. „Und dann standen zwei am Tor. Nicht vom Werkschutz. Die haben nach mir gefragt. Mit Namen.”
Kerstin sah die Treppe hinauf und durch die Wand daneben.
Im Wärmebild war der Hof hinter der Kellertür ein blasses Rechteck mit dem Rinnstein als dunkler Linie. Am Bordstein ein Wagen, die Haube hell, der Motor noch warm. Davor zwei Menschen. Einer stand still, bei dem anderen leuchtete nur die linke Seite. Die rechte hatte den Grad der Nacht.
„Zwei”, sagte sie. „Einer davon mit Chrom. Rechter Arm, ganz.”
„Natürlich.” Halm zog Stöckers Faust unter die Lampe, setzte einen Schraubendreher in die Klappe am Ellbogen und hebelte sie auf. Darunter lagen Servos und Kabel, sauber gebündelt, und auf einer Trägerplatte eine Gravur. Außen hatte jemand die Nummer weggeschliffen, ordentlich, mit einer Feile. Innen hatte keiner nachgesehen.
Halm las vor, ohne die Stimme zu ändern. „Mitsuhama Deutschland. Werkschutz. Inventar null-vier-eins-neun.” Er kippte die Platte ins Licht. „Und eine Personennummer mit Prüfziffer. Das ist eine SIN. Der hängt an einem Menschen, der Arm.”
„Wo hast du ihn her?”
„Von einem, der Tote fährt. Der Vorbesitzer hat ihn nicht mehr gebraucht. Elftausend EC hat Benno dafür abbezahlt, bis auf zwei Raten.”
„Zwei Raten sind nicht abbezahlt”, sagte Stöcker leise, mit Halms Stimme.
„Und die oben?”
Halm legte den Schraubendreher hin. „Die oben haben in der Furth die Spielhallen. Und die Wäscherei an der Kölner Straße und das Pfandhaus daneben.”
„Yakuza”, sagte Stöcker.
„Sag das Wort nicht in meinem Keller.”
Es klopfte. Dreimal, mit Abstand, so höflich, dass es durch Stahl ging.
„Herr Halm?” Eine ruhige Stimme, rheinisch, ein wenig zu genau in den Endungen. „Tanaka. Wir möchten nicht stören. Wir möchten etwas abholen, das dem Haus gehört.”
Kerstin ging hinauf. Sie ließ den linken Arm hängen und schob mit der rechten den Riegel zurück.
Der Mann vor der Tür war um die fünfzig, glatt rasiert, im Regenmantel, das Haar sehr kurz und grau an den Schläfen. Er neigte den Kopf eine Handbreit. Hinter ihm stand der zweite, einen Kopf größer, die Jacke offen. Der rechte Ärmel war abgetrennt, und darunter kam ein Arm heraus, älter als Stöckers, schwerer, mit Schrammen im Lack.
„Sie sind nicht Herr Halm”, sagte Tanaka.
„Nein.”
„Dann sind Sie die, die man Olivia nennt.” Er sagte den Namen sorgfältig, mit allen Silben. „Wir möchten Herrn Stöcker nichts tun. Wir möchten nur den Arm. Herr Halm kann ihn abnehmen, das ist sein Beruf. Es wäre uns lieb, wenn es heute geschieht.”
„Der Mann fährt Stapler. Mit einem Arm fährt er nichts.”
„Das bedaure ich.” Es klang ernst gemeint. „Das Haus hat für diesen Arm bezahlt. Der Mann, der ihn trug, schuldet dem Haus bis heute. Er ist tot, und der Arm ist das, was von ihm noch da ist.”
Der Große trat vor, an Tanaka vorbei, die Schulter zuerst.
Kerstin sah es, bevor er es tat: die Wärme lief ihm in die linke Schulter, und die Faust aus Stahl kam von rechts, wo sein Körper keinen Grad hatte und nichts ankündigte. Ihre Reflexe nahmen sie unter dem Schlag weg, ehe sie es entschieden hatte. Der Türrahmen über ihr platzte. Putz und Beton prasselten ihr in den Kragen.
Sie war schon unter dem Arm. Der rechte Sporn kam heraus, und sie setzte ihn in die Beuge des fremden Ellbogens, dorthin, wo im Wärmebild ein Servo glühte, heißer als alles andere an dem Mann. Der Sporn ging durch die Manschette. Etwas knackte, Hydraulik zischte, und der Arm fiel an ihm herunter, schwer, und schlug ihm gegen das Knie.
Er griff mit links unter die Jacke, ins Schulterhalfter.
Sie hätte nach hinten gehen können, die Treppe hinunter, in den Keller, in dem ein Mann saß, der ihr nichts schuldete. Sie ging nach vorn. Ihre rechte Hand fand sein Handgelenk, als die Waffe herauskam, und drückte es nach oben. Der Schuss ging in die Decke des Treppenhauses. Die Glühbirne zersprang, und es regnete Glas auf die Stufen.
Für sie wurde es nicht dunkel. Sie drehte ihm das Handgelenk weiter, bis die Pistole fiel, trat sie die Treppe hinunter und hatte die Spitze des Sporns unter seinem Kinn, an der weichen Stelle, ehe er sich wieder aufrichten konnte.
Unten sagte Halm etwas Unanständiges über seine Lampe.
Tanaka hatte sich nicht bewegt. Er stand, wo er gestanden hatte, die Hände vor dem Mantel gefaltet, und sah sie an.
„Bitte”, sagte er. Er meinte nicht sie.
Der Große atmete durch die Nase. Kerstin nahm den Sporn eine Fingerbreite zurück, dann zwei, dann ganz, und trat einen Schritt in den Kellereingang, so dass sie die Tür wieder ausfüllte.
Tanaka zog eine Karte aus der Manteltasche, weiß, ohne Namen, nur mit einem roten Stempel in der Ecke, und schrieb mit einem kleinen silbernen Stift etwas auf die Rückseite. Er legte sie auf das Geländer.
„Freitag. Zwanzig Uhr”, sagte er. „Der Arm. Sonst spricht das Haus mit Herrn Halm über seinen Keller und darüber, was er sonst so von Toten kauft.” „Die Tür bezahlen wir. Das gehört sich.”
Er ging, und der Große ging hinter ihm her, der tote Arm schwang mit jedem Schritt gegen seinen Oberschenkel.
Halm hatte eine Taschenlampe gefunden und hielt sie Stöcker an den Ellbogen. Unter dem Licht war die Faust immer noch zu.
„Der schläft”, sagte er. „Jemand hat ihm von draußen gesagt, er soll schlafen, und er hört auf eine Nummer, die ich nicht hab. Abnehmen kann ich ihn. Aufwecken nicht.”
„Wer hat die Nummer?”
„Mitsuhama. Oder wer bei Mitsuhama die Toten abmeldet. Oder die da.” Er zeigte mit der Lampe zur Treppe. „Such dir was aus.”
Kerstin hob die Pistole von der dritten Stufe auf, nahm das Magazin heraus, zog den Schlitten zurück und fing die Patrone aus der Kammer mit der Hand. Sie legte alles in Halms Nierenschale zwischen die Klammern.
„Ich zahl”, sagte Halm. „Vier Riesen EC. Wird’s mehr, wird’s mehr. Ich will meinen Keller, und ich will, dass Benno am Freitag noch zwei Arme hat.”
„Einen”, sagte Kerstin.
„Einen und einen geliehenen.” Halm wischte die Lampe am Kittel ab. „Ihr nehmt’s?”
„Wir nehmen’s.”
Stöcker sah auf seine Faust und den Fetzen Folie darin, auf dem noch ein halbes Wort stand, rot auf gelb.
„Ich hab um sechs wieder Schicht”, sagte er.
Kerstin nahm die Karte vom Geländer, drehte sie um, las den Freitag und steckte sie ein. Dann zog sie den Hocker an die unterste Stufe, schaltete die Lampe über dem Stuhl aus und setzte sich ins Dunkel, das Gesicht zur Tür.