▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 118 — Rückführung

Um halb zwei in der Nacht roch Halms Keller nach Desinfektion und nach kaltem Kaffee, und unter dem Behandlungsstuhl lag noch Glas von der Treppenhausbirne.

Stöcker schlief im Sitzen. Den Kopf an die Wand gelehnt, den Mund offen, den grauen Arm quer über dem Bauch. Halm hatte ihm eine Decke über die Knie gelegt und danach nicht mehr hingesehen.

„Da”, sagte Halm und klappte die Abdeckung am Ellbogen auf. Neben den gebündelten Servos saß eine Buchse, kleiner als ein Fingernagel, mit Lack verschmiert. „Diagnose. Für den Werksarzt. Ich hab nie was drangehängt.”

„Der Arm”, sagte Dobs.

„Der Arm hört nicht zu. Der Arm ist ein Arm.”

Dobs sagte nichts. Er wickelte die zweite Leitung von der Reisefassung und hielt sie Kerstin hin.

Sie sah die Leitung an, dann ihn.

„Jeck ist bei Brandt und fragt nach dem Fahrer”, sagte Dobs. „Mox ist in Weckhoven. Gesa hat gesagt, ich geh nicht allein rein. Krey schläft. Du bist hier.”

„Ich weiß nicht, was ich da mache.”

„Du machst nichts. Du siehst hin. Wenn ich sag, wir gehen, gehen wir.” Er zögerte. „Und wenn du was hörst, sag’s. Ich hör links nicht so gut.”

Kerstin nahm die Leitung. Sie fand die Buchse hinter dem Ohr beim zweiten Versuch und setzte sich auf den Hocker an der Treppe.

Dobs kniete sich neben Stöcker, steckte das dünne Kabel in den Ellbogen und sein eigenes hinter das Ohr.


Der Arm war ein Raum, und der Raum war klein.

Ein Spind, von innen. Blechwände, oben Lüftungsschlitze mit gelbem Licht, ein Haken mit einer Jacke ohne Aufnäher. Unten auf dem Boden ein Paar Dienstschuhe, sauber nebeneinander, die Spitzen zur Tür.

Und in der Mitte, auf Brusthöhe, eine Hand. Grau, geschlossen, und sie schlief. Sie hob und senkte sich ganz leicht, und jedes Mal, wenn sie sich hob, schloss sie sich ein wenig fester um das, was sie hielt, und das war nichts.

„Das ist der Arm?” Kerstins Stimme kam von links, flach und ein bisschen zu laut. Sie stand neben ihm, die Hände in den Jackentaschen. Ihre Augen waren gewöhnliche Augen.

„Das ist, was der Arm von sich weiß.” Dobs trat näher an die Hand. „Der hat einem gehört, der jeden Abend seine Schuhe so hingestellt hat. Das hat er behalten. Den Rest nicht.”

Er legte zwei Finger auf den Handrücken. Kalt, und unter der Kälte ein Takt.

„Hey”, sagte er leise. „Ich will nur wissen, wer dir gesagt hat, dass du schlafen sollst.”

Die Hand zuckte. Aus dem Daumenballen lief ein Faden, dünn und hell, quer durch den Spind und durch die Lüftungsschlitze hinaus. Er spannte sich, entspannte sich und spannte sich wieder, alle paar Sekunden, gleichmäßig.

„Der meldet sich”, sagte Dobs. „Der ruft zu Hause an. Die ganze Zeit. Und zu Hause sagt jedes Mal: weiterschlafen.”

„Und da gehst du jetzt hin.”

„Da gehen wir jetzt hin.” Er nahm den Faden zwischen Daumen und Zeigefinger. „Halt dich an mir fest. Nicht am Faden.”

Ihre Hand lag auf seiner Schulter, bevor er den Satz fertig hatte.


Mitsuhama war still.

Ein langer Gang aus hellem Holz, glatt und ohne einen Kratzer, und rechts und links Schiebetüren aus Papier, Rahmen an Rahmen, so weit Dobs sehen konnte. Hinter jedem Papier brannte ein mattes Licht, und in jedem Licht stand ein Schatten: ein Arm, ein Paar Beine, ein Auge an einem Kabel, eine Wirbelsäule in einer Halterung. Über jeder Tür eine Nummer, mit dem Pinsel geschrieben.

„Inventar”, sagte Dobs. Sein Mund war trocken. Hier hatte jemand Geld dafür ausgegeben, dass keiner ohne Einladung hereinkam, und er war drin, weil der Arm ihn mitgenommen hatte. „Das ist alles Werkschutz. Alles, was die ihren Leuten einbauen.”

Der Faden lief vor ihnen her, den Gang hinunter, knapp über dem Holz.

Dann hörten sie es.

Klack. Klack.

Holz auf Holz, hell und trocken, weit hinten, wo der Gang ins Dunkel lief. Eine Pause. Klack. Klack. Und mit jedem Doppelschlag schob sich irgendwo eine Tür einen Spalt weiter zu, die ohnehin geschlossen gewesen war.

„Was ist das?”

„Die Wache.” Dobs ging schneller. „Die macht ihre Runde. Wer offen steht, wird zugemacht. Auch wer drinsteht.”

„Und dann?”

„Weiß ich nicht. Ich will’s nicht wissen.”

Kerstin fragte nicht weiter. Ihre Hand blieb auf seiner Schulter, und nach dem dritten Doppelschlag hörte er sie halblaut zählen.

Der Faden endete an einer Tür auf der linken Seite. 0419. Hinter dem Papier stand ein Mann. Ein Schatten ohne rechten Arm, die Schultern breit, die Mütze schief. Er bewegte sich nicht.

Dobs schob die Tür auf. Sie lief leicht, ohne Widerstand, und dahinter war nichts als eine Tafel aus demselben hellen Holz, beschrieben in einer Schrift, die sich unter seinem Blick ins Deutsche drehte.

Inventar 0419. Werkschutzarm, rechts, Ausführung Nacht. Träger: Wollny, Marek. Standort Seestern Nord, Nachtdienst Rampe.

Status Träger: verstorben, 22.08. Dienstunfall.

Inventar mit Leichnam übergeben an Überführungen Peltzer, Grevenbroich, zur Rückführung. Rückführung ausgeblieben.

„Seestern”, sagte Kerstin.

„Weiß ich.” Dobs las weiter, schneller.

05.10., 20:47. Lebenszeichen Inventar in Fremdnetz: Nestlé Deutschland AG, Werk Neuss, Flurförderzeug 4-11. Anmeldung verweigert. Sperre gesetzt.

„Der Stapler”, sagte Dobs. „Der hat sich beim Stapler angemeldet. Mit seiner alten Nummer. Und der Stapler hat bei Mitsuhama nachgefragt, wer das ist.”

Klack. Klack.

„Sechs Sekunden”, sagte Kerstin. „Es waren acht. Jetzt sechs.”

Dobs fuhr mit dem Finger die Tafel hinunter. Darunter stand noch etwas, kleiner, in einem eigenen Kasten mit einem roten Siegel in der Ecke, und es ließ sich nicht so leicht lesen. Die Zeichen drehten sich langsamer.

Rückführung beauftragt. Vertragspartner —

Klack. Klack. Näher. Die Tür neben ihnen schob sich zu, obwohl sie zu war, und das Papier darin knisterte.

„Vier”, sagte Kerstin. „Dobs.”

Er hörte den Namen und las trotzdem weiter. Das Siegel wurde warm unter seinem Finger.

— Textilpflege Kölner Straße GmbH, Neuss. Übergabe Freitag, 07.10., 21:00, Tor Seestern Nord. Prämie bei Übergabe: 2.500 Nuyen.

Klack.

Kerstins Hand verließ seine Schulter. Sie griff an ihm vorbei, an den Rahmen der Tür, und zog. Die Tür lief über seine Finger, über das Siegel, und schloss mit einem leisen Geräusch, und der Schatten dahinter stand wieder da, ohne Arm, die Mütze schief.

Klack. Direkt hinter ihnen.

Dobs fasste den Faden und riss.


Der Spind. Die Schuhe. Die Hand, die schlief. Dann Halms Lampe, viel zu hell, und das Linoleum, das unter seinen Knien eine halbe Drehung zu viel machte.

Kerstin saß auf dem Hocker, den Stecker in der Hand, und atmete einmal tief durch. Sie sah auf die Tür oben an der Treppe, mit dem flachen Blick, und dann auf ihn.

„Die haben’s gemerkt?“, fragte Halm.

„Die haben eine Tür, die offen war, und die jetzt zu ist.” Dobs zog das dünne Kabel aus dem Ellbogen. „Die wissen, dass einer drin war. Nicht wer. Der Arm hat mich mitgenommen. Mein Anschluss steht da nirgends.” Er sah Stöcker an, der weiterschlief. „Den Arm suchen sie sowieso schon.”

„Und der Tote?”

„Wollny. Werkschutz in Seestern. Nachtdienst an der Rampe.” Dobs hielt die Hand unter die Lampe. Die Haut über dem Zeigefinger war rot, wo das Siegel gelegen hatte, und sie brannte. „Im August gestorben. Dienstunfall. Und dann hat ihn einer gefahren, der den Arm abgenommen hat, bevor er ankam.”

„Peltzer”, sagte Halm leise. Er kannte den Namen.

Kerstin stand auf. Sie ging zur Spüle, ließ Wasser über die Hand laufen, mit der sie die Tür gezogen hatte, obwohl an der Hand nichts war, und drehte den Hahn wieder zu.

„Tanaka hat gesagt, der Tote schuldet dem Haus”, sagte sie. „Davon stand da nichts.”

„Da stand was anderes.”

Dobs nahm Halms Kugelschreiber vom Tablett und schrieb sich auf den Handrücken, unter die verwischten Reste von Odenthals Nummer, so viel, wie er hatte lesen können, bevor die Tür über seine Finger gelaufen war:

Rückführung beauftragt. Vertragspartner Textilpflege Kölner Straße, Neuss. Übergabe Freitag 21 Uhr, Tor Seestern Nord. Prämie 2.500 ¥.