Kapitel 119 — Halb wahr
Überführungen Peltzer lag in Grevenbroich zwischen einem Reifenhändler und einer stillgelegten Tankstelle und hatte das schönste Schild der Straße: schwarzer Lack, goldene Schrift, ein kleines Kreuz, das jemand frisch nachgezogen hatte.
Jeck parkte den Kombi so, dass das Schild im Rückspiegel blieb, und saß noch eine Minute. Donnerstag, kurz nach elf. Bis Freitag zwanzig Uhr waren es dreiunddreißig Stunden, und Brandt hatte ihm für die Nacht genau einen Satz verkauft: Der Alte macht die Papiere, der Sohn macht die Fahrten, die Tochter macht den Keller.
Im Handschuhfach lag Riekes zweites Papier. Bernd Hövelmann, Hilden. Jeck steckte es ein, zog die Krawatte gerade, die er um sieben am Bahnhof für vierzig EC gekauft hatte, und ging hinein.
Drinnen roch es nach Bohnerwachs. Hinter einem Schreibtisch mit grüner Lederauflage saß ein Mann über siebzig mit Lesebrille und Füller.
„Peltzer. Mein Beileid.”
„Danke. Hövelmann. Mein Onkel.” Jeck setzte sich und legte die Hände gefaltet auf die Knie. „Heimstatt Hilden, heute Nacht. Er wollte nach Kevelaer, zur Familie.”
Peltzer zog einen Block heran. „Hilden bis Kevelaer, Sarg nach Wahl, Überführung, Papiere. Neunhundertvierzig EC. Die Gebühren beim Standesamt gehen in neuen Mark extra, das sind ungefähr sechzig.”
„Fährt das Ihr Sohn?”
Der Füller hielt an. „Dirk ist nicht im Haus.”
„Dann jemand anders.”
„Dann ich.” Peltzer schrieb weiter. „Ich fahr seit neunundvierzig Jahren.”
Jeck fragte nach der Toilette. Peltzer zeigte mit dem Kinn in den Flur, hinten links, und sah ihm nicht nach.
Hinten links war die Toilette. Hinten rechts war eine Stahltür mit einem Schild Kein Zutritt und einem Riegel, der offen stand, weil jemand eben erst hindurchgegangen war. Jeck nahm die rechte.
Eine Treppe hinunter lag ein gekachelter Raum mit sechs nummerierten Kühlfächern in der Wand. Auf der Schwelle zog sich eine Linie quer über die Fliesen, grau, mit Kreide nachgezogen, und an ihren beiden Enden klebte etwas Dunkles, das er nicht genauer ansehen wollte.
Jeck stieg darüber.
Die Kühlung summte. Hinter einer zweiten, halb offenen Tür lag die Werkstatt: Werkbank, Schraubstock, eine kleine Säge mit Knochenblatt, Kabelbinder, Lötkolben, und auf dem Regal darüber eine Plastikkiste mit dem Etikett Rest. Darin lagen in Tüten ein Satz Fingerservos, eine Hüftmanschette und ein Cyberauge in einem Schraubglas, das Etikett mit Bleistift: Juli, Rommerskirchen, Iris defekt.
„Na, Dirk”, sagte Jeck leise.
Er griff nach der Kiste.
Die Kühlung hörte auf zu summen. Alle sechs Fächer in der Wand klackten auf einmal, ein einziges Geräusch aus sechs Schlössern, und sprangen nicht auf. Die Luft wurde schwer. Sein Atem blieb vor dem Mund stehen, ein weißer Fleck, der sich nicht verzog, und dann drückte etwas auf seine Brust, gleichmäßig, von vorn, bis er nicht mehr ganz ausatmen konnte. Zu sehen war nichts.
„Lassen Sie die Kiste los”, sagte eine Frau hinter ihm. „Er mag das nicht.”
Er ließ los. Der Druck ging nicht weg, aber er nahm auch nicht mehr zu.
Sie stand auf der Treppe, Mitte vierzig, grüner Kittel, Gummihandschuhe, das Haar unter einer Haube. Sie stieg herunter, sorgfältig über die Kreidelinie, und legte eine Hand flach auf das Fach mit der Nummer drei.
„Ist gut”, sagte sie zu niemandem. „Ich hab ihn.”
Die Kühlung sprang wieder an. Jeck atmete aus, ganz, und es tat in der rechten Schulter weh.
„Marlies Peltzer”, sagte sie. „Mein Vater hat gesagt, ich bin im Krematorium. Er lügt schlecht. Sie lügen besser. Kommen Sie mit.”
Ihr Büro war ein Kabuff neben dem Heizungsraum, mit dem Wandkalender eines Sargherstellers. Sie zog die Handschuhe aus, setzte sich ihm gegenüber und legte beide Hände flach auf die Tischplatte, die Finger gespreizt.
„Einen Moment”, sagte sie und schloss die Augen.
Jeck spürte nichts. Er sah nur, dass sie grau wurde. Die Farbe ging ihr aus den Lippen, an der Schläfe trat eine Ader hervor, und ihre Finger drückten so fest auf das Holz, dass die Nägel weiß wurden. Nach einer halben Minute machte sie die Augen auf, und die Augen waren müde und sehr wach zugleich.
„So”, sagte sie. „Jetzt noch mal. Wie heißen Sie?”
„Hövelmann.”
„Nein.”
„Kessels.”
„Nein.”
Er probierte zwei weitere, schnell hintereinander, und sie schüttelte zweimal den Kopf, bevor er ausgeredet hatte.
„Jeck”, sagte er.
Sie sah ihn lange an. Die Ader an ihrer Schläfe pochte.
„Das stimmt so ungefähr”, sagte sie.
Jeck lachte, kurz und nicht für sie.
„Gut. Dann sparen wir uns das. Ich arbeite für Halm, den Doc in Nordost. Ihr Bruder hat ihm im August einen Werkschutzarm verkauft, Mitsuhama, rechts. Den trägt jetzt ein Staplerfahrer bei Maggi. Mitsuhama hat ihn schlafen gelegt, die Faust ist zu, und morgen Abend um acht will die Yakuza aus der Furth ihn wiederhaben, sonst redet sie mit Halm über seinen Keller. Ich will wissen, wer dem Haus was schuldet und warum.”
Es tat gut, das so hinzulegen.
„Alles wahr”, sagte Marlies. Sie nahm eine Hand vom Tisch, dann die andere, und lehnte sich zurück. „Ich kann’s nicht länger halten. Ab jetzt müssen Sie mir das Übrige so glauben, und ich Ihnen.”
„Was kostet Sie das?”
„Den Nachmittag.” Sie rieb sich die Schläfen. „Ich hab um zwei eine Aufbahrung.”
Sie erzählte es knapp. Wollny war am 23. August gekommen, aus Seestern, im Werkssack, mit einem Begleitschreiben von Mitsuhama: Einäscherung auf Kosten der Firma, Inventar zurück an den Werkschutz. Angehörige: keine. Dirk hatte die Fahrt gemacht und den Arm in der Werkstatt abgenommen, bevor die Urne kam, und für zweitausendvierhundert EC an Halm verkauft.
„Zweitausendvierhundert”, sagte Jeck. „Halm hat elftausend genommen.”
„Dann hat Halm ein besseres Schild als wir.”
Im September waren zwei Männer von der Wäscherei an der Kölner Straße da gewesen, sehr höflich, und hatten nach dem Arm gefragt. Dirk hatte gesagt, der sei mit ins Feuer gegangen. Sie hatten sich bedankt und eine Karte dagelassen.
„Und der Wächter da unten?”
„Den hab ich seit dem Frühjahr. Einmal hat uns einer nachts einen Toten aufgemacht, wegen der Hüfte. Seitdem geht keiner mehr an die Fächer, den ich nicht kenne.” Sie sah ihn an. „An Dirks Kiste auch nicht. Dirk weiß nicht, dass er die mitbewacht.”
Sie stand auf, schloss einen Stahlschrank auf und nahm einen durchsichtigen Beutel heraus, zugeschweißt, mit einem Etikett: Wollny, M. Nachlass. Nicht abgeholt. Darin eine Brieftasche, ein Schlüsselbund, ein Werksausweis mit dem roten Mitsuhama-Zeichen und einem Foto, auf dem ein breiter Mann mit schiefer Mütze nicht lächelte. Und ein gefaltetes Blatt mit einem roten Stempel in der Ecke.
Jeck kannte den Stempel von der weißen Karte, die Kerstin seit gestern in der Jacke trug.
Pfandhaus Kölner Straße, Neuss. 12. Juli. Darlehen dreitausend EC. Sicherheit: Arm, rechts, am Mann. Zins zehn vom Hundert je Monat. Einlösung durch den Inhaber dieses Scheins.
Jeck las es zweimal. Dann rechnete er, mit den Lippen, und kam auf knapp viertausend EC.
„Er hat einen Arm verpfändet, der ihm nicht gehört hat”, sagte er. „An der Schulter. Und lief damit weiter Nachtdienst.”
„Das ist das Haus”, sagte Marlies. „Die nehmen, was einer hergibt, und fragen nicht, wem es gehört.” Sie schob den Beutel über den Tisch. „Nehmen Sie das mit. Den Schein, den Ausweis, alles. Ich will das nicht mehr in meinem Schrank haben, wenn die zwei wiederkommen.”
„Und wenn sie fragen, wo es ist?”
„Dann sag ich die Wahrheit. Ich weiß nicht, wo Sie wohnen.”
An der Tür drehte er sich noch einmal um. „Ihr Vater”, sagte er. „Neunhundertvierzig EC bis Kevelaer. Ist das ein guter Preis?”
„Ein sehr guter.” Jetzt sah sie fast freundlich aus. „Er bringt Sie raus.”
Jeck hielt das für eine Redensart.
Der Kombi stand in der Sonne. Jeck legte den Beutel auf den Beifahrersitz und bog auf die Landstraße nach Neuss.
Hinter dem Ortsausgang drehte er die Heizung herunter, weil ihm warm war. Am rechten Knie war ihm nicht warm. Er sah hinüber.
Die Beifahrerscheibe beschlug von innen, von unten her, langsam, ein grauer Rand, der höher stieg, bis er das Seitenfenster halb bedeckte. Auf dem Beutel mit Wollnys Ausweis lag ein feiner Reif.
Jeck drehte die Heizung wieder auf, ganz.
Am Ortsschild Neuss war der Reif noch da.