▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 120 — Einlösung

Die Kälte kam vor Jeck die Treppe herauf.

Mox merkte sie an der Hand. Der Verband über dem rechten Handrücken war seit dem Morgen trocken gewesen, und jetzt zog die Haut darunter zusammen, eng und stumpf. Dann ging unten die Haustür, und auf der dritten Stufe hustete jemand.

Jeck kam herein, den Kragen hochgeschlagen, einen durchsichtigen Beutel unter dem Arm. Auf der Folie lag eine dünne weiße Haut, und als er den Beutel auf den Tisch legte, knisterte sie.

„Ich hab Besuch mitgebracht”, sagte er. „Nicht meinen.”

„Grevenbroich.”

„Die Tochter vom Bestatter. Erwacht, macht den Keller. Sie hat einen Wächter über den Kühlfächern, und der ist mitgefahren.” Jeck behielt die Jacke an. „Sie will wissen, ob ich ihr was vorgelogen hab. Ab Kapellen hab ich die Heizung nicht mehr runtergedreht.”

Mox sah auf den Küchenstuhl neben dem Beutel. Ein Stuhl mit einer Brandstelle in der Sitzfläche, sonst nichts. Früher hätte er dort etwas gesehen, eine Form, eine Dichte, eine Farbe, die nicht in die Küche gehörte. Jetzt sah er nur, dass Jecks Atem über der Lehne stehen blieb und sich nicht verzog.

Dann kam es zu ihm.

Er hörte es nicht und sah es nicht. Die Luft vor seiner Brust wurde schwer, und dann lag etwas auf ihm, flach und gleichmäßig, von vorn. Das Atmen ging noch hinein, aber nicht mehr ganz hinaus. Unter dem Verband brannte die offene Stelle kalt, und auf dem Mull wuchs ein feiner Rand aus Reif.

„Mox.” Jeck stand auf einmal sehr gerade. „Bei mir hat es aufgehört, als ich die Kiste losgelassen hab.”

„Ich hab keine Kiste.”

Mox wusste, was es tat. Ein Wächter sieht nach dem, was offen steht. Bei ihm stand alles offen, seit dem Frühjahr, jedem lesbar, der hersah; das hatte Ostermann ihm gesagt, und das hier war die Probe darauf. Wirken konnte er dagegen, mit der Hand, die gerade fror, und der Kühler am Hafen würde es bezahlen.

Er wirkte nicht. Er setzte sich langsam auf die Bank und legte die Hände auf die Knie, die offenen Flächen nach oben.

„Du bist wegen ihm hier”, sagte er zu dem Stuhl. „Nicht wegen mir. Und du siehst bei mir etwas, das ich selbst nicht sehe.” Er wartete, bis der Druck einen Atemzug lang nachließ. „Ich seh dich nicht. Sag ihr das ruhig. Und sag ihr, dass er ihr nicht gelogen hat. Ihrem Vater schon.”

Schlange nahm nichts umsonst und gab nichts umsonst. Wer von einem Wächter etwas wollte, bezahlte mit dem, was der Wächter ohnehin schon gesehen hatte, und sagte es laut, damit es eine Gabe war und kein Fund.

Der Druck ging. Nicht auf einmal. Er rutschte von der Brust ab und zog sich zum Tisch zurück, und auf dem Beutel mit Wollnys Werksausweis wurde die weiße Haut dicker.

Jeck atmete aus. „Was hast du ihm gegeben?”

„Was es schon hatte.”

„Dann weiß sie es heute Abend.”

„Sie wusste es vorhin.” Mox zog den Mull vom Handrücken. Darunter war die Stelle grau und trocken, und als er die Finger bewegte, riss sie nicht. „Jetzt weiß sie, dass ich es weiß.”


Dobs kam gegen zwei, die Reisefassung in einer Aldi-Tüte, und blieb in der Tür stehen.

„Warum ist es hier so kalt?”

„Ein Wächter”, sagte Jeck. „Er sitzt auf dem Nachlass und tut niemandem was, solange keiner die Kiste anfasst. Das ist eine Redensart.” Er nahm das gefaltete Blatt mit dem roten Stempel aus dem Beutel, langsam, und der Druck im Raum blieb, wo er war. „Pfandschein. Wollny hat den Arm im Juli versetzt, bei denen, die ihn jetzt holen wollen. Einlösung durch den Inhaber dieses Scheins. Ich bin der Inhaber.”

„Ein Pfand verfällt”, sagte Mox. „Wann?”

Dobs nahm den Schein, hielt ihn ins Licht und las die Nummer zweimal vor sich hin. „Ein Leihhaus muss ein Buch führen. Auch das. Die Wäscherei hängt mit dran, die rechnen mit Mitsuhama ab, die haben einen Anschluss.” Er sah zu Mox. „Gesa hat gesagt, nicht allein.”

„Ich fahr mit.” Mox nahm die zweite Leitung. „Jeck hält die Körper.”

„Mit dem da im Zimmer.” Jeck zog den zweiten Stuhl heran, nicht den mit der Brandstelle. „Gern.”


Das Pfandhaus Kölner Straße war im Netz ein Leihamt.

Ein Saal mit grünen Kacheln bis in Schulterhöhe, braunes Linoleum, eine Bank für Wartende mit eingeritzten Initialen. Vorn ein Schalter aus dunklem Holz, darüber ein Messinggitter mit einer Durchreiche. Hinter dem Schalter Schubladen, nummeriert, Reihe über Reihe, bis in eine Höhe, in der das Licht aufhörte.

Mox sah. Er sah alles, die Kacheln, die Kratzer im Linoleum, den eigenen Ärmel, und das war jedes Mal das Erste, was er an diesem Ort bemerkte, und jedes Mal ließ er es liegen.

Hinter dem Gitter saß ein Mann mit Ärmelschonern und einem grünen Augenschirm, der sein Gesicht bis zur Nase verschattete. Er schrieb mit einer Stahlfeder in ein Buch, und jeder Strich war im Saal zu hören.

Dobs ging nicht um den Schalter herum. Er stellte sich davor und sagte die Nummer vom Schein.

Die Feder hielt an. „Der Inhaber”, sagte der Mann. Es war keine Frage.

„Ich will sehen, was drin ist.”

Eine Schublade in der vierten Reihe glitt heraus, ohne dass jemand sie anfasste, und sank vor das Gitter. Darin lag nichts. Ein Anhänger aus Karton an einem roten Faden, mit Tinte beschrieben.

0712-31. Arm, rechts, am Mann. Darlehen 3.000 EC. Zins 10 v. H. je angefangenen Monat. Verfall: 12.10. Stand: laufend.

Darunter, in einer anderen Hand und mit Bleistift:

Vorgemerkt: Textilpflege Kölner Str., Abgang 07.10.

„Mittwoch”, sagte Dobs leise. „Der verfällt erst Mittwoch. Und die buchen ihn morgen raus.” Er drehte sich zu Mox. „Die verkaufen morgen um neun was an Mitsuhama, das bis Mittwoch noch dem gehört, der den Schein hat.”

„Wünscht der Inhaber einzulösen?“, fragte der Mann hinter dem Gitter.

„Was kostet das?”

„Dreitausendneunhundert EC. Am Schalter. Bar. Durch den Inhaber persönlich.” Die Feder setzte wieder an. Mox sah, was sie schrieb, in einer schönen, schrägen Schrift: das Datum, die Uhrzeit, 14:12, die Nummer des Scheins. Dann zog die Feder einen Strich in die nächste Spalte, und über der Spalte stand Anschluss.

Hinter dem Schalter hing ein Vorhang, dunkelrot, mit dem Stempel des Hauses in der Mitte. Der Vorhang bewegte sich. Eine Hand schob ihn eine Handbreit zur Seite, eine ruhige, saubere Hand, und am kleinen Finger fehlte das oberste Glied.

„Dobs”, sagte Mox.

„Seh ich.” Dobs sah auf die Feder. Sie hatte den ersten Buchstaben in der Spalte angefangen, einen Bogen, der noch zu nichts gehörte. „Noch nicht.”

„Jetzt.”

Dobs hielt noch einen Herzschlag. Die Feder hob sich, um den Bogen zu schließen, und in diesem Atemzug riss er.


Weckhoven. Die Küchenlampe, Jecks Gesicht viel zu nah, und Kälte an den Knöcheln. Mox zog den Stecker hinter dem Ohr und blieb sitzen, bis die Bank wieder eine Bank war.

„Und?“, fragte Jeck.

„Der Arm gehört bis Mittwoch dem Schein”, sagte Dobs. Er rieb sich das linke Ohr. „Morgen um neun buchen sie ihn an die eigene Wäscherei aus, für die Prämie. Zweitausendfünfhundert Nuyen. Nach ihrem eigenen Buch dürfen sie das nicht.”

„Das Haus hält viel auf Gehörigkeit”, sagte Jeck. „Tanaka sagt das Wort jedes zweite Mal.”

„Und das Haus weiß jetzt, dass der Schein lebt”, sagte Mox. „Und um wie viel Uhr einer nachgesehen hat. Woher nicht. Er hat den Bogen nicht zugemacht.”

Auf dem Tisch lag der Pfandschein, und auf seinem Stempel lag jetzt die weiße Haut, nicht mehr auf dem Ausweis. Mox ließ ihn liegen.

Jecks Telefon summte. Er sah auf die Anzeige, hob ab, hörte zu und hielt das Gerät dann so, dass alle es hörten.

„Tanaka war eben hier”, sagte Kerstin aus Halms Keller. Hinter ihr klapperte etwas Metallenes. „Allein. Er hat die Tür bezahlt, sechshundert EC, bar, und Halm hat nicht nachgezählt. Und er lässt fragen, ob der Inhaber morgen um sieben selbst an den Schalter kommt. Er sagt, er hält ihn offen.”