▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 121 — Neunzehn Uhr

Halm schnitt um drei.

Er hatte Stöckers rechten Arm auf ein Brett geschnallt, die Klappe am Ellbogen offen, und arbeitete unter einer neuen Lampe, die er selbst bezahlt hatte. Dobs saß neben dem Stuhl auf einem Eimer, das Kabel aus der Diagnosebuchse hinter dem Ohr, die Augen halb zu.

„Er ruft”, sagte Dobs. „Alle vier Minuten. Immer dieselbe Nummer, immer dieselbe Antwort.”

„Wo sitzt das Telefon?”

„Auf der Platte. Unter der Gravur. Die Hand fragt nur die Platte, und die Platte fragt Seestern.”

Halm setzte den Seitenschneider an. Kerstin sah von der Tür aus zu, im Wärmebild. Unter der Trägerplatte lag ein kleiner, warmer Fleck, wärmer als die Servos drumherum, und als Halm die beiden Leitungen daran trennte, wurde er kalt.

„Weg”, sagte Dobs und zog den Stecker.

Halm hebelte die Platte heraus, ein spielkartengroßes Stück grünes Laminat, Mitsuhama Deutschland, Werkschutz, Inventar 0419. Er legte sie in einen Gefrierbeutel. Dann holte er aus einer Schublade eine zweite Platte, älter, ohne Gravur, mit einem Aufkleber in fremder Handschrift: Stapler-Steuerung, zivil, zweite Hand.

„Die kann Gabel, Lenkrad und Kaffeetasse”, sagte er. „Mehr nicht. Dafür fragt sie keinen um Erlaubnis.”

Er lötete zwanzig Minuten. Stöcker sah die ganze Zeit an die Decke.

Dann ging die Faust auf. Langsam, mit einem kleinen Ruck in jedem Finger, und der Fetzen Schrumpffolie, den sie seit Mittwoch gehalten hatte, fiel auf den Boden.

Stöcker sah auf seine Hand und machte sie zu und wieder auf.

„Die zwei Raten”, sagte er.

„Später”, sagte Halm.


Die Kölner Straße roch nach nasser Wäsche. Aus den Gitterfenstern der Textilpflege kam Dampf, und durch die Wand zum Nachbarhaus lief der Takt einer großen Mangel, immer derselbe, dumpf.

Das Pfandhaus daneben hatte ein schmales Schaufenster mit Uhren, zwei Gitarren und einem Cyberauge auf rotem Samt, Preisschild umgedreht.

„Achtzehn Uhr fünfzig”, sagte Jeck. Er trug die Bahnhofskrawatte, die schon einmal gelogen hatte, und in der Innentasche zwei Umschläge: neununddreißig Scheine zu hundert EC, und Wollnys Schein. Er fasste sich an die Brust. „Der ist immer noch kalt. Ich hab das Gefühl, ich trag einen Gefrierakku.”

„Du trägst einen Hund”, sagte Kerstin.

„Danke. Das ist viel besser.”

Drinnen war es eng und warm, Vitrinen, Regale bis unter die Decke, ein Kinderwagen. Hinten ein Holztresen mit dicker Plexiglasscheibe, Durchreiche und einer Klappe an der Seite, dahinter ein Stehpult mit einem aufgeschlagenen Buch. An der Wand tickte laut eine Pendeluhr.

Hinter dem Pult stand Tanaka.

Er trug heute ein weißes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, und neben dem Buch lag ein Lineal. Neben der Ladentür lehnte der Große, den rechten Arm in einer Schlinge, und sah Kerstin an, ohne etwas im Gesicht.

„Frau Olivia”, sagte Tanaka. „Und der Inhaber. Sie sind früh. Das ist angenehm.” Er sah zur Uhr. „Das Buch nimmt Einlösungen ab neunzehn Uhr. Es wäre uns lieb, wenn wir uns daran halten.”

„Wir warten gern”, sagte Jeck.

Kerstin sah an Tanaka vorbei auf den Vorhang hinter dem Pult. Dunkelrot, schwer, mit dem Stempel des Hauses. Im Wärmebild stand dahinter ein Mensch neben einem Heizkörper. Seine rechte Hand war warm. In der linken, tief gehalten, lag etwas Langes mit dem Grad des Zimmers.

Sie sagte nichts. Sie stellte sich so, dass zwischen ihr und dem Vorhang nur noch der Tresen war.

Achtzehn Uhr achtundfünfzig ging das Licht aus.

Draußen auch, die Laterne vor dem Fenster, und hinter der Wand hörte die Mangel auf. Jemand hatte den ganzen Hausanschluss gezogen.

Für Jeck war es schwarz. Sie hörte, wie er einatmete.

Für sie wurde es grün und grau. Restlicht vom Ende der Straße reichte für die Kanten der Vitrinen, für Tanakas helles Hemd, für das Pendel, das weiterschwang, weil es nie Strom gebraucht hatte. Im Wärmebild ging der Vorhang auf.

Der Mann kam durch die Klappe am Ende des Tresens, flach und schnell, die rechte Hand voraus, auf Jecks Brust zu, auf die Innentasche. Seine Rechnung war einfach. Ohne Schein gab es um neunzehn Uhr keinen Inhaber, und am Montag hätte das Buch nichts mehr einzulösen.

Kerstin war schon an der Klappe, bevor sie es gedacht hatte.

Ihre Reflexe machten aus zwei Metern einen Schritt. Sie bekam sein rechtes Handgelenk eine Handbreit vor Jecks Jacke zu fassen, und das Lange in seiner Linken kam von unten herauf, ein kurzes Messer, kalt im Wärmebild, und sie sah es kommen, weil sein Ellbogen sich vorher erwärmte. Der linke Sporn fuhr aus. Der linke Arm trug nicht, aber er musste nicht tragen, nur im Weg sein. Stahl schrammte über Stahl, ein heller, hässlicher Ton, und die Klinge glitt am Sporn entlang ins Leere.

Dann der rechte Sporn. Sie drückte den gefangenen Arm gegen den Tresen und setzte die Klinge durch den Ärmel seines Hemdes in den Holzrahmen, eine Fingerbreite neben dem Handgelenk, und sie stand fest.

Der Mann zog einmal. Der Stoff hielt, das Holz hielt.

„Jeck”, sagte sie, laut genug. „Geradeaus. Drei Schritte. Die Hand auf das Glas.”

Ein Stuhlbein, ein Fluch, dann seine flache Hand auf dem Plexiglas, links von ihrer.

Das Pendel schlug. Die Uhr gab einen einzelnen, blechernen Ton von sich, und dann noch sechs, und dann noch zwölf.

Tanaka war im Dunkeln hinter seinem Pult geblieben, eine Hand auf dem Lineal.

„Kazuo”, sagte er ruhig, zu dem Mann am Sporn und nicht zu ihr. „Legen Sie das Messer auf den Boden. Und dann gehen Sie bitte und machen das Licht wieder an. Das Haus hat geöffnet.”

Das Messer fiel. Kerstin zog den Sporn aus dem Holz, und der Mann ging rückwärts durch den Vorhang, die Hand mit dem verkürzten kleinen Finger an den Ärmel gepresst. Eine halbe Minute später kam das Licht zurück, und hinter der Wand setzte die Mangel wieder ein.

Jeck war blass und lächelte.

„Neunzehn Uhr”, sagte er. „Ich möchte gern was einlösen.”


Tanaka zählte die neununddreißig Scheine zweimal und legte sie unter das Pult. Dann nahm er den Pfandschein, prüfte die Nummer gegen das Buch und schlug mit dem Lineal einen Strich durch die Bleistiftzeile darunter. Vorgemerkt Textilpflege verschwand unter Tinte.

Jeck fasste sich an die Brust, wo die Kälte gesessen hatte. Sie war weg.

„Eingelöst”, sagte Tanaka und drückte den Stempel auf den Abschnitt. „Das Pfand gehört dem Inhaber. Es wird am Mann getragen, das Haus muss nichts herausgeben.” Er sah auf. „Und um einundzwanzig Uhr steht das Haus am Tor Seestern Nord mit leeren Händen vor einem Vertragspartner, der in Nuyen zahlt.”

„Muss es nicht.” Jeck legte den Gefrierbeutel auf das Plexiglas. „Mitsuhama will Inventar null-vier-eins-neun zurück. Das ist null-vier-eins-neun. Gravur, Personennummer, das Ding, das alle vier Minuten nach Hause anruft. Den Rest hat ein Staplerfahrer, und der Rest hat keine Nummer mehr.”

Tanaka betrachtete den Beutel eine ganze Weile.

„Und was verlangt der Inhaber dafür?”

„Nichts”, sagte Jeck. „Das Haus hat eine Rückführung zugesagt, und das Haus führt zurück. Sie kassieren zweimal, Herr Tanaka. Einmal hier am Schalter und einmal am Tor. Wir hätten gern, dass Herr Halm dafür nichts mehr mit dem Haus zu besprechen hat.”

Tanaka nahm den Beutel durch die Schublade herüber und legte ihn neben das Buch. Dann schrieb er etwas in die letzte Spalte, in Schönschrift, mit einer Füllfeder.

„Herr Halm hat mit dem Haus nichts zu besprechen”, sagte er. „Die Tür ist bezahlt.” Er sah auf Kerstins linken Arm. „Frau Olivia hat heute für das Buch gearbeitet. Das Haus vergisst so etwas nicht.”

Kerstin wusste nicht, ob das ein Dank war oder eine Notiz. Wahrscheinlich beides.


Um halb zehn saß Stöcker auf Halms unterster Stufe und hielt einen Becher Kaffee in der rechten Hand, zu fest, und der Kaffee zitterte, aber er verschüttete nichts.

Halm zählte am Behandlungstisch. Vier Riesen EC für den Auftrag, neununddreißig Scheine für die Einlösung obendrauf, und er verhandelte keinen davon. Er schob den Stapel über das Wachstuch zu Kerstin und sah dabei nicht auf.

„Mehr, wenn es mehr wird”, sagte er. „Es ist mehr geworden.”

„Es ist gut geworden.”

„Das ist teurer.” Er räumte den Seitenschneider weg.

Stöcker hob den Becher. „Doc”, sagte er. „Ruft der jetzt noch irgendwo an?”

Halm sah ihn über die Brille an.

„Nur noch mich”, sagte er. „Wegen der Raten.”