▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 122 — Grundel

Jeck zählte Halms Geld am Samstagmorgen in vier Stapel und schob einen davon über den Küchentisch.

„Tausend EC. Dein Teil vom Keller.”

Dobs nahm zwei Hunderter ab und schob den Rest zurück. „Unter die Diele.”

„Du darfst dir auch mal was kaufen.”

„Mach ich ja.” Er steckte die zwei Scheine ein.

Mox saß auf der Bank und schälte einen Apfel mit der linken Hand, langsam, in einem einzigen Band. Kerstin schlief noch, die Tür zum hinteren Zimmer stand offen.

Jeck zog Wollnys Werksausweis aus der Innentasche, drehte ihn einmal um und steckte ihn wieder weg. „Mittwoch fahr ich nach Nierst.”

„Als Kessels?”

„Wilms erwartet ihn. Kommt Kessels nicht, ruft Wilms im Büro an und fragt, wo er bleibt. Und das Büro weiß, dass einer mitgelesen hat.”

„Und wenn er kommt, sehen sie dich.”

„Mich haben sie schon gesehen. Kessels haben sie bis jetzt nur aufgeschrieben.” Jeck sah ihn an. „Du bleibst da raus.”

„Ich bin heute am Hafen. Gesa hat angerufen.”

„Allein?”

„Krey sitzt am zweiten Platz.”

„Dann nicht allein.” Jeck klang zufrieden, und Dobs ärgerte sich nicht einmal darüber.

Mox legte das Messer hin. „Was will sie?”

„Töle geht wieder runter. Tiefer als letzte Woche.”

Mox nahm das Apfelband vom Tisch und legte es auf die Untertasse, ordentlich, zu einer Spirale. „Geh vor ihm rein”, sagte er. „Hinterher ist zu spät.”


Der hintere Speicher am alten Zollhafen roch nach Lötzinn und nassem Beton. Krey hatte das zweite Gestell schon auseinandergeschraubt und wieder zusammengesetzt, zwei neue Klemmen, ein Kabel mit grünem Isolierband.

„Fünfundzwanzig Minuten”, sagte er, ohne aufzusehen. „Dann zieh ich. Erst Töle, dann dich.”

Gesa saß auf ihrer Kiste. Dobs legte ihr einen der beiden Hunderter hin.

„Wofür?”

„Strom.”

Sie schob den Schein unter die Kiste.

Töle saß in der Ecke auf seinen zwei Kissen und hatte das Kabel schon hinter dem Ohr. Er hatte auf die Rückseite eines Lieferscheins einen Fisch gemalt, mit Bleistift, zu groß für das Blatt: lang, flach, ein dicker Kopf, auf jeder Seite ein Auge.

„Der ist silbern”, sagte er. „Der wohnt unten. Gestern war er weiter hinten, heute ist er näher. Der guckt.”

„Wohin?”

„Hier.” Töle zeigte auf den Boden. „Auf uns.”

Dobs setzte sich neben ihn auf den Beton und steckte ein. „Du hast mal gesagt, du hast ganz unten was gesehen.”

„Der andere war kleiner.” Töle sah ihn an, und zum Prahlen fehlte ihm heute die Kraft. „Zeigst du mir, wo man umdreht?”

„Deswegen bin ich hier. Ich geh vor.”


Das Hafennetz war unter der Oberfläche ein Fluss.

Oben lagen die Speicher als beleuchtete Pontons, jeder mit seinem eigenen Schild, Kühlhof, Getreide, Schrott, und dazwischen schwankten die Leitungen in der Strömung, dick und schwarz, mit Muscheln aus alten Paketen daran. Die Uferkinder hatten ihren Platz am Rand: einen schmalen Steg aus zusammengesteckten Brettern, die nicht im Plan des Hafens standen.

Dobs ging hinunter, die Hand am Pfahl. Töle kam hinter ihm, mit dem Kopf zuerst, schnell und leicht, und Dobs hielt ihn am Kragen fest.

„Bleib neben mir.”

Unten wurde das Wasser grün und dann braun. Die Leitungen hörten auf, eine Farbe zu haben, und über den Grund liefen die abgemeldeten Anschlüsse, Hafenmeisterei, die alte Werft, eine Spedition, die es nicht mehr gab. Sand trieb darüber.

„Da”, flüsterte Töle.

Dobs sah Sand. Er sah eine Stelle, an der der Sand gegen die Strömung lief, einen Meter lang, und dann wieder mit ihr.

„Wo genau?”

„Da! Der ist doch riesig. Der hat Schuppen mit Zahlen drauf.”

Dobs öffnete die Hand. Der Kleine kam heraus, warm und ungeduldig, und streckte sich.

„Geh hin bis auf zwei Längen”, sagte Dobs leise zu ihm. „Nicht näher. Sag mir, was du siehst.”

Der Kleine schwamm los, schräg über den Grund, und blieb dort stehen, wo der Sand falsch lief. Dann kam sein Bild zu Dobs zurück, und der Fisch war da.

Er war lang und flach und silbern, und jede Schuppe trug eine Ziffernfolge. Auf der Flanke saß ein Zeichen in Rot, ein K in einem Ring, das Dobs kannte: das Werk an der Chemieschiene, Komatsu Neuss. Der Fisch schwamm die alten Anschlüsse ab, einen nach dem anderen, und an jedem hielt er den Kopf hinein und las. An einer Schuppe hinter den Kiemen stand eine Nummer, die Dobs auch kannte, weil er sie vor ein paar Wochen selbst hatte aushängen lassen. Die Lieferantennummer von Metallhandel Küppers.

Die suchten immer noch den, der damals in ihren Stammdaten gelesen hatte. Und sie suchten ihn hier unten, weil Küppers am Hafen saß.

Der Fisch hob den Kopf. Beide Augen gingen gleichzeitig auf die Bretter der Uferkinder.

„Er guckt”, sagte Töle. „Ich hab’s dir doch gesagt.”

Dobs wusste, was er von dort aus las. Einen Steg, der in keinem Plan stand. Acht Leitungen, die hinaufführten in einen Speicher. Und ein Kind, das noch keine Luft sein konnte, weil es zu hell war.

„Töle. Du gehst jetzt hoch. Am Pfahl lang, bis an die Bretter, und dann sagst du laut Krey.”

„Und du?”

„Ich bin gleich da.”

Töle zögerte. Dann ging er, am Pfahl entlang, schnell und ohne sich umzusehen.

Dobs machte sich hell.

Es war das Gegenteil von allem, was er konnte, und es tat weh hinter dem linken Ohr. Er nahm den Kleinen zurück in die Hand, trat auf den Grund und ließ den Fisch ihn sehen: einen Leser ohne Gestell, mit einer Signatur, an der man sich festbeißen konnte. Dann schwamm er los, den alten Anschluss der Werft hinunter, weg vom Steg, weg vom Speicher.

Der Fisch kam. Dobs hörte ihn nicht und sah ihn nur dort, wo der Sand gegen die Strömung lief, und das reichte. Er zählte die Anschlüsse ab, die er kannte. Werft. Hafenmeisterei. Becken zwei, gesperrt, mit fremden Uniformen auf dem Kai darüber. Ganz am Ende ein abgemeldeter Kasten, in dem einmal ein Gespräch von sechs Sekunden gelaufen war.

Dort ging er hinein, setzte die Hand flach auf den Boden des Kastens und hielt still, bis das Pfeifen im Ohr laut wurde.

Dann war er Luft.

Der Fisch schob den Kopf in den Kasten und fand einen toten Anschluss mit der Uhrzeit von eben. Er las lange. Dann schrieb er etwas auf eine Schuppe, drehte und schwamm zurück in die Richtung, aus der er gekommen war, flussaufwärts, an den Brettern vorbei, ohne den Kopf noch einmal zu heben.

„Fünfundzwanzig”, sagte Krey von weit oben.


Dobs lag auf dem Beton und hielt sich das linke Ohr. Es pfiff hoch und dünn, und darunter war es sehr still.

Töle hockte neben ihm, das Kabel noch hinter dem Ohr, die Knie unter dem Kinn.

„Du hast ihn nicht gesehen”, sagte er. „Ich hab’s gemerkt. Du hast was vorgeschickt.”

Krey schraubte die Klemmen ab und sah dabei auf das Kabel mit dem grünen Band.

Gesa stand an der Tür. Sie sah von Dobs zu Töle und wieder zurück.

„Wie groß war er?“, fragte Dobs.

„So.” Töle breitete die Arme aus, so weit es ging, und dann noch ein Stück.

Dobs setzte sich auf. Das Pfeifen ließ nach, aber nicht ganz. Er nahm den Lieferschein mit dem Bleistiftfisch vom Boden und gab ihn dem Kind zurück.

„Nächstes Mal guckt er”, sagte er zu Krey, „und ich fahr hinten mit.”