▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
← All chapters

Kapitel 123 — Befundlage

Der Saal des Schützenhauses Nierst roch nach Bohnerwachs und kaltem Rauch, und an der Stirnwand hingen die Königsscheiben von sechzig Jahren, bunt bemalt, mit Einschüssen.

Jeck kam um zehn vor zehn, in grauem Sakko und mit der Mappe, in der wieder nichts lag. Vorne stand der Tisch der Bezirksregierung mit Mikrofon und Namensschildern, davor zwei lange Tische, links die Einwender, rechts der Antragsteller. Rechts saßen drei Männer. Einer davon stand auf, sobald er ihn sah.

„Herr Kessels!” Wilms gab ihm die Hand, zu fest, und zog ihn gleich mit nach rechts. „Betriebsbüro gehört nach vorn. Herr Hentrich, das ist Ihr Kessels.”

Der Mann in der Mitte war Mitte fünfzig, kurzer Bart, Kieswerkshände. Auf seinem Schild stand Hentrich, Betriebsleitung, Kies- und Sandwerke Nievenheim. Er sah Jeck an, und Jeck sah, wie die Frage in ihm hochkam: welcher Kessels?

Jeck setzte sich, bevor sie draußen war.

„Nicht ganz”, sagte er zu Wilms, laut genug für den Tisch. „Ich sitze heute nicht fürs Betriebsbüro. Ich sitze für die Abnahme.”

Wilms nickte, weil er bei Wörtern ohne Zahl nie nachfragte. Hentrich nickte nicht. Er sah auf Jecks Sakko, auf die leere Mappe, auf die Hand ohne Ring, und dann beugte er sich herüber.

„Essen schickt jemanden?”

„Essen schickt niemanden”, sagte Jeck. „Ich bin nur da.”

Hentrich lehnte sich zurück. Er glaubte ihm kein Wort, und genau deshalb glaubte er das andere. „Sechzig Prozent der Menge gehen an Saeder-Krupp Bau”, sagte er leise, für niemanden. „In Nuyen. Seit drei Jahren. Wir haben noch nie einen Termin platzen lassen.”

„Dann ist ja alles gut.”

Der Dritte am Tisch hatte zugehört, ohne den Kopf zu drehen. Schmaler Mann, dunkelblauer Anzug, eine Lesebrille an einer Kette. Vor ihm lag ein gebundenes Gutachten, und auf seinem Schild stand Dr. Reinartz, Sachverständiger, magische Umweltbewertung.

Jeck merkte, dass er zum ersten Mal an diesem Morgen nicht wusste, was der Mann neben ihm sah.


Die Verhandlungsleiterin hieß Frau Brüggen und führte das Verfahren mit einer Stimme, die jede Zeile gleich wichtig nahm. Lärm. Staub. Grundwasser. Ein Landwirt aus Langst wollte wissen, wo seine Drainage hinlief. Ein Ehepaar aus Ilverich fürchtete um den Keller. Wilms antwortete auf jede Frage mit dem Ablauf und zählte ihn an den Fingern ab, und die Leute auf der linken Seite wurden ruhiger, weil er so gern redete.

Um halb zwölf rief Frau Brüggen die Einwendung Nummer neunzehn auf.

In der dritten Reihe stand eine Frau auf, Anfang siebzig, Kittelschürze unter dem Mantel, ein Einkaufsnetz in der Hand. Ostermann ging bis an den linken Tisch, legte das Netz ab und nahm ein Bündel heraus, trockene Stängel mit Bindfaden umwickelt, Blütenköpfe grau vom Jahr.

Sie sah nicht nach rechts. Jeck wusste trotzdem, dass sie ihn gesehen hatte, als er hereinkam.

„Ostermann, Furth”, sagte sie. „Ich sammle auf der Fläche seit einunddreißig Jahren. Schafgarbe im Juni, Beifuß im August, Rainfarn bis zum ersten Frost. Was ich da hole, wirkt. Was ich woanders hole, wirkt weniger, und manches gar nicht. Das ist meine Einwendung.”

„Dazu liegt ein Gutachten vor.” Frau Brüggen blätterte. „Herr Dr. Reinartz?”

Reinartz setzte die Lesebrille auf, obwohl er nicht las. „Die Fläche ist im August an zwei Messterminen begangen worden”, sagte er. „Es zeigt sich ein schwacher, gleichmäßiger Hintergrund. Keine Bindung, keine Ortsgeister, keine Kraftlinie. Die Befundlage ist eindeutig: astral unauffällig.”

„Bei Tag”, sagte Ostermann.

„Bitte?”

„Sie waren bei Tag da. Im August schläft das bei Tag.” Sie schob das Bündel über den Tisch, quer durch den Gang, bis an seine Seite. „Das ist von da. Sehen Sie es sich an, wenn Sie schon hier sind.”

Hentrich hob die Hand, um etwas einzuwenden. Reinartz legte zwei Finger auf seinen Arm, freundlich. Er nahm die Brille ab.

„Ich kann es Ihnen gern zeigen”, sagte er zum Saal. „Das geht schnell und ist ungefährlich.”

Er legte die linke Hand auf das Bündel und schloss die Augen nicht. Seine Pupillen wurden weit. Jeck sah nichts weiter, nur einen Mann im blauen Anzug, der auf trockenes Kraut sah.

Dann roch der Saal nach Erde.

Nach nasser, aufgebrochener Erde und nach Gras, das eben gemäht worden war, so stark, dass die Frau aus Ilverich sich umdrehte. Die grauen Blütenköpfe auf dem Tisch bekamen eine Farbe, gelb, weiß, ein staubiges Grün, für die Dauer von zwei Atemzügen. Reinartz’ Hand lag darauf und kam nicht mehr hoch. Die Sehnen auf dem Handrücken standen, die Finger zuckten, und er zog, und das Bündel zog nicht, es hielt nur.

Hentrich sagte: „Herr Doktor.”

Reinartz’ Kopf ging zurück, die Hand kam frei, und er fasste mit der anderen nach der Tischkante und verfehlte sie beim ersten Mal. Er setzte sich. Sein Gesicht war grau und nass.

Auf dem Tisch lag brauner Staub mit Bindfaden darum.

Der Geruch verflog in einem Atemzug. Frau Brüggen sah vom Staub zu Reinartz und von Reinartz zum Protokollführer, der aufgehört hatte zu tippen.

„Ein präpariertes Objekt”, sagte Reinartz. Er sprach leise und sehr deutlich. „Das sagt über die Fläche nichts aus.”

„Ein Jahr”, sagte Ostermann. „Das war mein Jahr. Das sagt Ihnen, was da nachts liegt.” Sie nahm das leere Netz vom Tisch. „Ich habe meine Einwendung gemacht.”

Frau Brüggen unterbrach die Sitzung für zwanzig Minuten.

Hentrich drehte sich zu Jeck, und Jeck hielt das Gesicht still und ließ ihn darin lesen, was er lesen wollte: einen Mann aus Essen, der eben gesehen hatte, wofür sein Konzern Nuyen bezahlte. Hentrich schrieb etwas auf seinen Block und unterstrich es zweimal.


Ostermann stand hinter dem Schützenhaus am Deich, wo der Weg zum Feld abging, und wartete nicht. Sie band einen Beutel an ihr Fahrrad.

„Sie saßen auf der falschen Seite”, sagte sie, ohne aufzusehen.

„Da war ein Stuhl frei.”

„Herr Kessels.” Sie zog den Knoten fest. „Der Mann war nachts nicht da. Wer nachts da war, hätte nicht unauffällig geschrieben, sondern gar nichts, und wäre nicht wiedergekommen. Ich will wissen, wer ihn bestellt hat und was er wirklich gemessen hat. Schwarz auf weiß, mit Datum.”

„Das kostet.”

„Zweitausend neue Mark. Bar, freitags am Stand. Mehr habe ich nicht, und für weniger mache ich Ihnen keine Arbeit.” Jetzt sah sie ihn an. „Und sagen Sie ihm, ich will ihn sehen. Ihn. Was er sagt, gilt. Was Sie sagen, gilt bei mir nicht mehr.”

Jeck hatte eine Antwort, und er ließ sie liegen.

„Ich sag’s ihm.”

Sie nahm aus der Schürzentasche ein gefaltetes Butterbrotpapier und legte es ihm in die Hand. Es war leicht und knisterte.

„Was übrig ist”, sagte sie. „Für ihn, nicht für Sie.”

Vom Saal her rief Wilms über den Parkplatz, dass Freitag acht Uhr Ortstermin sei, Herr Kessels, und Kaffee im Wagen. Jeck hob die Hand. Ostermann schob ihr Fahrrad schon den Deich hinauf, Richtung Feld, und fuhr nicht.


In Weckhoven lag am Abend das Butterbrotpapier offen auf dem Küchentisch. Darin ein Fingerhut voll braunem Staub, ein Stück Bindfaden, zwei Samen.

Jeck erzählte es von vorn: Hentrich, die Abnahme, Saeder-Krupp, die Nuyen, Reinartz’ Hand. Die zweitausend neue Mark. Den Satz über den, der reden darf.

Kerstin lehnte am Herd. Dobs hatte schon die Hand am Ohr, das Kabel noch nicht.

Mox hörte bis zum Ende zu. Dann zog er das Papier zu sich, nahm mit der linken Hand eine Prise vom Staub und rieb sie zwischen Daumen und Zeigefinger, lange. Er hielt die Finger unter die Nase. Er sah dabei auf nichts.

Dann stand er auf und nahm seine Jacke vom Haken.