Kapitel 124 — Drei Grad
Kerstin hatte den Wagenschlüssel schon in der Hand, als Mox die Jacke vom Haken nahm. Er sah den Schlüssel an und ging vor ihr die Treppe hinunter.
Sie fuhr über die Dörfer. Hinter Uedesheim lag der Rhein rechts unter dem Deich, schwarz und ohne ein Schiffslicht, und in Nierst stellte sie den Wagen an der Kirche ab, zwischen die Autos von Leuten, die irgendwo anders schliefen.
„Wohin?”
„Wo er gießt.”
Mehr kam nicht. Das Butterbrotpapier steckte in seiner Brusttasche, zweimal gefaltet, Kante auf Kante.
Oben auf dem Deich schaltete sie auf Restlicht, und die Nacht wurde grau und körnig und sehr deutlich.
Achtzehn Hektar Gras hinter einem Bauzaun. Am Fuß der Rampe stand das Tor, und vor dem Tor ein Kombi mit der Aufschrift der Kies- und Sandwerke Nievenheim, Motor aus. Hinter der Scheibe ein Mann mit einer Thermoskanne zwischen den Knien.
Über der Fläche hing etwas mit vier Rotoren und einem flachen Rumpf, vierzig Meter hoch. Es flog Bahnen, langsam, hin und zurück, und an jedem Ende drehte es sich mit einem kleinen Ruck.
„Die haben eine Drohne oben”, sagte sie. „Neu.”
„Wegen Freitag.”
„Wegen Essen.”
Hentrich hatte sich etwas aufgeschrieben und es zweimal unterstrichen. Das hier war das Unterstrichene: ein Betriebsleiter, der dem Konzern, der seine Menge in Nuyen kaufte, am Freitag eine Fläche zeigen wollte, auf der nichts lag. Jeck hatte einen halben Satz gesagt. Die zweite Hälfte flog jetzt vierzig Meter über dem Gras.
Sie schaltete auf Wärme.
Die Luft wurde dunkel. Der Mann im Kombi war ein heller Fleck mit einer helleren Kanne. Die Drohne zeigte vier warme Punkte an ihren Motoren und dazwischen kaum etwas.
Und die Fläche war nicht gleich.
Quer über das Feld, vom Deich bis an die Kante, wo sie im Frühjahr anfangen wollten zu baggern, lief ein Band, das wärmer war als der Rest. Zwanzig Meter breit, vielleicht mehr. Es lief in einem Bogen, den kein Bauer je gepflügt hätte, und wurde zur Mitte hin breiter. Kerstin schätzte drei Grad Unterschied. Um elf Uhr nachts, am zwölften Oktober, gab es für drei Grad keinen Grund.
In der breitesten Stelle des Bandes kniete jemand. Sie sah ihn erst beim zweiten Hinsehen. Der Boden um ihn herum war fast so warm wie er selbst.
„Er ist da”, sagte sie. „Im Warmen. Die Drohne sieht ihn nicht.”
„Und uns?”
„Uns schon.”
Mox stand neben ihr, die Hände in den Jackentaschen. Dann ging er los, am Zaun entlang nach Westen, ohne zu warten. Sie folgte ihm. An der Ecke, wo der Draht aus den Krampen gebogen war, blieb er stehen, und über ihnen kam die Drohne auf ihre Bahn zurück. Am Ende der Bahn änderte sich der Ton der Rotoren, und genau da bückte er sich durch den Draht.
Er hatte zugehört. Sie ging hinter ihm durch.
Terveer goss. Er hatte den Kanister neben sich und nahm jedes Loch einzeln, nah am Boden, damit nichts spritzte. Zwölf Löcher in einer Reihe, in jedem ein Stock mit einem Stück Bindfaden daran. An zwei Stöcken war der Faden noch weiß.
Er sah nicht auf.
„Wie viele noch?“, fragte Mox.
„Zwei. Morgen und Freitag.”
„Freitag um acht kommen sie mit Gerät.”
„Dann gieß ich um sechs.” Terveer schraubte den Kanister zu. „Was wollen Sie?”
„Ein Datum.”
„Erklären Sie mir nichts.”
„Wer war nachts hier, außer Ihnen und uns?”
Terveer setzte sich auf die Fersen und rechnete. Kerstin sah es an seinen Lippen, die sich bewegten.
„Achtzehnter August”, sagte er. „Nacht auf Donnerstag. Einer mit Brille an einer Kette. Hat einen Hocker mitgebracht und sich da drüben hingesetzt, mitten rein.” Er zeigte mit dem Kinn in die Mitte des Bandes. „Hat einen Kreis um sich gestreut. Weiß. Um zwei saß er. Um halb drei ist er gelaufen, quer, ohne Hocker. Den Kreis hat er mit dem Schuh kaputtgemacht.”
„Ist er wiedergekommen?”
„Nachts nicht.”
„Und der Hocker?”
„Liegt im Graben. Der Pflock steht hier.” Terveer zeigte auf die Reihe. Zwischen dem neunten und dem zehnten Stock steckte ein vierkantiger Holzpflock, rot gestrichen, mit einer Blechmarke obendrauf. „Den hat er vorher reingehauen. Mir steht er im Weg.”
Mox nahm das Butterbrotpapier aus der Brusttasche, faltete es auf und legte es auf den Deckel des Kanisters. Der Staub war ein Fingerhut voll. Die zwei Samen lagen obenauf.
Terveer sah lange darauf.
„Von der Frau mit der Kiste”, sagte er.
„Für Ihre Reihe.”
Terveer nahm die zwei Samen zwischen Daumen und Zeigefinger und steckte sie in sein Tuch, das Tuch in die Jacke. Den Staub ließ er liegen.
Über ihnen änderte sich der Ton.
Kerstin hob den Kopf. Die Drohne flog keine Bahn mehr. Sie stand über der Westecke, am gebogenen Draht, und kam herunter, langsam, mit den vier warmen Punkten nach unten. Zwei Gestalten außerhalb des Bandes, aufrecht, mitten in einem Feld, auf dem nichts liegen sollte. Mehr brauchte der Mann im Kombi nicht.
Zwanzig Meter. Zehn. Unter dem Rumpf ging eine kleine rote Lampe an.
„Bleib stehen”, sagte sie zu Mox, und dann war sie schon unterwegs.
Die Reflexe nahmen ihr die Entscheidung ab. Drei Schritte, ein Absprung vom Kanister, und die rechte Hand hatte die Kufe, bevor die Drohne merkte, dass da etwas war. Die Rotoren kreischten. Der Rumpf riss nach oben, und eine Sekunde lang hing sie mit einem Arm an zwei Kilo Plastik und vier Messern, die sich drehten. Die linke ließ sie unten. Ein Blatt kam an ihrem Gesicht vorbei, so nah, dass der Luftzug das Auge trocknete.
Sie zog den Rumpf herunter und drehte ihn um.
Die Motoren gingen aus. Irgendein Ingenieur in einem Büro hatte das so eingestellt: was auf dem Kopf liegt, ist abgestürzt und dreht nicht weiter. Kerstin kniete im Gras und drückte die Linse in den Boden, mitten in das warme Band.
Im Kombi sah jetzt einer drei Grad warme Erde, ganz nah, und sonst nichts.
Sie kniete und wartete.
Der Boden unter ihren Knien war warm. Er war auch sonst etwas, das sie nicht benennen konnte, ein Ziehen, sehr weit unten, das an ihr vorbeiging. An Terveer ging es nicht vorbei. Er kniete zwei Meter neben ihr, grau im Gesicht, die Hände flach auf den Oberschenkeln, und sah sie an.
„Zwei trägt er nicht”, sagte er.
Es passierte nichts. Sie kniete weiter, die Drohne unter der Hand, und der Boden zog an dem Mann neben ihr und ließ sie in Ruhe.
Terveer sah auf ihre Unterarme. Dann wieder auf die Reihe.
„Die zählt er nicht”, sagte er.
Mox stand am Rand des Bandes, wo sie ihn hingestellt hatte, und schwieg.
Am Tor ging die Tür des Kombis auf. Ein Lampenkegel fiel auf den Schotter der Rampe, dann ins Gras.
Kerstin ließ die Drohne liegen, Linse nach unten. Mox bückte sich, zog den roten Pflock aus der Reihe, mit beiden Händen und einem Ruck, und schob ihn unter die Jacke. Terveer machte sich flach im warmen Gras, und als sie sich nach ihm umsah, war er im Wärmebild ein Stück Boden.
Sie gingen am Zaun entlang nach Westen, nicht schnell. Hinter ihnen rief der Mann vom Kieswerk etwas über ein Funkgerät, das Wort „Absturz” und eine Uhrzeit. Der Lampenkegel blieb bei der Drohne.
Am Draht ließ Mox sie vorgehen.
Im Wagen machte sie kein Licht. Er hielt ihr den Pflock hin, die Blechmarke nach oben, und sie las sie im Restlicht, eingeschlagen mit Schlagzahlen, Buchstabe für Buchstabe.
Im Gutachten standen zwei Messtermine, beide bei Tag.
SV-Büro Dr. Reinartz · MP 3 · 18.08. · 01:50