Kapitel 125 — Sonderleistung
Krey hatte den Lüfter des Gestells mit Draht an einen Dachbalken gehängt, damit er nicht auf dem Beton klapperte. Er lief nicht.
„Wenn der anspringt, bist du draußen”, sagte Krey. „Der springt an, wenn die Platte sechzig Grad hat. Die Platte hat sechzig Grad, wenn einer auf der anderen Seite zurückzieht.”
„Und wenn keiner zieht?”
„Dann springt er nicht an, und du kommst selber.”
Dobs setzte sich auf den Beton. Hinter dem linken Ohr pfiff es leise, seit dem Hafen am Samstag, und er hatte sich angewöhnt, das Pfeifen nicht mehr zu hören. Oben auf dem Zwischenboden schlief Töle auf seinen zwei Kissen, die Schuhe noch an. Dobs hatte ihm am Nachmittag gesagt, dass es heute um Papier gehe und nicht ins Wasser, und Töle hatte gesagt, Papier sei langweilig, und war eingeschlafen, bevor es dunkel wurde.
Jeck hatte ihm am Küchentisch drei Dinge mitgegeben: SV-Büro Dr. Reinartz, eine Anschrift in Golzheim und den Satz „Such, wer zahlt, nicht, wer unterschreibt.”
Dobs steckte ein.
Unter dem Speicher lag der Fluss, und er ging nicht hinunter. Unten schwamm etwas Silbernes, das ihn kannte. Er nahm die alte Leitung der Zollverwaltung, die oben an den Pontons entlanglief, zwei Hände über dem Wasser, bis an die Brücke, und von da über den Rhein nach Düsseldorf, wo alles heller wurde und lauter und jeder Anschluss ein Schild trug.
Das Büro von Dr. Reinartz war ein Feld.
Weiß, flach, ohne Horizont, und darauf standen Pflöcke in Reihen. Jede Reihe ein Gutachten, jeder Pflock ein Messpunkt, mit einem Fähnchen und einer Zahl. Ganz hinten standen alte Reihen schief und grau, vorne neue, gerade, frisch gestrichen. Es roch nach nichts. In einem Gutachterbüro roch es nach nichts, das hatte jemand so eingerichtet.
Dobs nahm den Kleinen aus der Tasche und setzte ihn ab.
„Nierst”, sagte er. „Achtzehn Hektar. Lauf nicht drauf, lauf außen rum.”
Der Kleine lief außen rum. Er hatte seit dem Hafen gelernt, dass Dobs ihm nachsah, und sah sich beim Laufen öfter um als früher.
Die Reihe Nierst lag am Rand, frisch, mit zwei Pflöcken. MP 1 und MP 2, grüne Fähnchen, beide mit einem Datum im August und einer Uhrzeit am Vormittag. Wer an MP 1 tippte, bekam eine Tabelle: Hintergrund schwach, gleichmäßig, keine Bindung. Wer an MP 2 tippte, bekam dieselbe Tabelle mit anderen Zahlen hinter dem Komma.
Zwischen MP 2 und dem Ende der Reihe war ein Loch.
Dort hatte ein Pflock gestanden; geblieben war eine runde, dunkle Stelle, und darüber eine Glasplatte, flach auf den Boden gelegt. Unter dem Glas war es farbig. Ein Band zog quer durch die Erde, warm, rotgelb, im Bogen, zur Mitte hin breiter. Kerstin hatte es mit drei Grad beschrieben. Hier war es eine Farbe, die das weiße Feld sonst nirgends hatte.
Auf dem Glas lag ein Siegel. Dobs kannte es aus der Zeitung und von Lkw-Planen auf der A 57.
Saeder-Krupp.
Er ließ das Glas liegen.
Am Rand des Feldes, wo die alten Reihen schief standen, stand eine Bude aus Brettern, und an ihrer Wand hing ein Nagel mit Zetteln. Die Buchhaltung. Niemand bewachte sie, weil niemand eine Buchhaltung bewacht. Dobs zog die Zettel einzeln vom Nagel, von oben, und las sie im Stehen.
Strom. Miete. Ein Laborbedarf in Hilden. Eine Kfz-Versicherung. Dann zwei Blätter mit demselben Kopf.
Rechnung 0811. Auftraggeber: Saeder-Krupp Bau GmbH, Rohstoffsicherung Niederrhein, Essen. Projekt: Reservefeld Nierst. Leistung: Magische Umweltbewertung, zwei Messtermine, Gutachten zur Vorlage im Planfeststellungsverfahren. Betrag: neuntausend Nuyen.
Das Kieswerk stand auf keinem der beiden Blätter. Hentrich saß mit dem Gutachten vor sich am Tisch und hatte es nie bestellt.
Das zweite Blatt war kürzer.
Rechnung 0812. Auftraggeber: wie vor. Sonderleistung: Nachtbegehung MP 3, 18.08. Bericht separat an Auftraggeber, nicht Bestandteil der Antragsunterlagen. Betrag: viertausend Nuyen.
Dobs las es zweimal. Dann las er die Zeile unter dem Betrag, klein, wo bei anderen Rechnungen die Bankverbindung stand. Ausgeglichen 02.09.
Viertausend Nuyen für eine Nacht, die im Gutachten nicht vorkam. Gezahlt in einer Währung, die in Neuss niemand auf die Hand bekam, an einen Mann, der vor dem Saal gesagt hatte, die Befundlage sei eindeutig.
Er legte beide Blätter mit der Stirn an sein eigenes Gedächtnis, Zeile für Zeile, bis er sie ohne Hinsehen aufsagen konnte. Hinaustragen konnte er sie nicht; ein Blatt vom Nagel fehlt, und morgen sucht einer. Abschreiben ging. Er schrieb in den Kleinen hinein, und der Kleine wurde davon ein bisschen schwerer und lief langsamer.
„Gleich”, sagte Dobs. „Noch eins.”
Er ging zurück zum Glas, weil Ostermann zwei Dinge bestellt hatte, wer und was.
Unter dem Glas lag an der dunklen Stelle eine Mappe, zugeklappt. Auf dem Rücken eine Zahl. Er kniete nicht. Er beugte sich nur so weit vor, dass er die Zahl lesen konnte, und dabei fiel sein Schatten auf das Siegel.
Es gab im Feld keine Sonne. Er hatte trotzdem einen Schatten.
Dobs richtete sich auf.
Am anderen Ende der Reihe Nierst stand jemand, wo eben niemand gestanden hatte. Ein Mann in einer orangefarbenen Weste, auf dem Rücken eine Schrift, die nicht lesbar war. Vor ihm ein Dreibein, und auf dem Dreibein ein Messgerät mit einem Fernrohr, das in Richtung MP 2 zeigte.
Der Mann sah nicht auf. Er drehte nur an einer Schraube am Gerät, sehr langsam, und das Fernrohr schwenkte. Über MP 2. Über die leere Stelle. Auf Dobs.
Am Samstag hatte er sich selbst hell gemacht. Jetzt machte ihn ein anderer hell, von außen, und stellte fest, wo er war. Wie weit vom Glas. Wie hoch. In welcher Richtung von hier er hergekommen war. Er spürte, wie die Zahlen an ihm hingen, eine nach der anderen, und jede saß.
„Lauf”, sagte er zu dem Kleinen. „Außen rum. Zur Bude. Nicht zu mir.”
Der Kleine lief zur Bude, schwer von den zwei Rechnungen, und das Fernrohr schwenkte nicht mit; der Mann maß eine Sache auf einmal, und die Sache war Dobs. Er ging rückwärts, Schritt für Schritt, aus der Reihe heraus, und mit jedem Schritt musste der Mann neu einstellen. Er drehte nach und hob den Kopf dabei nicht.
Hinter dem linken Ohr wurde das Pfeifen lauter, dann hell, dann ein einzelner Ton, der nicht aufhörte.
Weit weg, in einem Speicher am Zollhafen, sprang ein Lüfter an.
Das Feld ging weg, von den Rändern her, und das Letzte, was Dobs davon sah, war der Mann in der Weste.
Er hatte das Dreibein stehen lassen. Er ging zu der Stelle, an der Dobs gestanden hatte, nahm eine Dose aus der Weste und sprühte ein Kreuz in das Weiß, orange, sauber, mit einem Punkt in der Mitte. Dann ging er zurück zu seinem Gerät, löste die Schraube und drehte das Fernrohr ganz herum, weg vom Feld, weg von Golzheim, bis es über den Rhein zeigte.
Nach Neuss. Zum Hafen.