▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 126 — Ortstermin

Um zehn vor acht lag der Nebel noch kniehoch auf dem Feld, und Wilms stand mittendrin und winkte mit dem ganzen Arm.

„Herr Kessels! Pünktlich! Hab ich gleich gesagt.”

Er gab ihm die Hand, und Jeck ließ sie sich zerdrücken. Wilms hatte einen Lotstab mit Empfänger dabei und wischte ihn mit einem Lappen ab, obwohl der Nebel nichts darauf gelassen hatte.

„Erst die Grenze.” Wilms klappte den Daumen aus. „Dann die Messpunkte nachweisen, eins und zwei. Dann der Schurf, den will Herr Hentrich. Dann Kaffee.” Vier Finger. „Den Kaffee macht das Kieswerk, nicht wir.”

Am Tor stand der Kombi, Motor aus. Daneben ein kleiner Kettenbagger, gelb, der Fahrer rauchte im Führerhaus bei offener Tür. Über dem Gras hing keine Drohne.

Um elf baute Ostermann in der Furth ihren Stand ab, und um elf sollte Mox davorstehen, mit dem, was Jeck bis dahin hatte. Bis jetzt hatte er zwei Rechnungen, die nur im Kopf eines Siebzehnjährigen existierten, und einen roten Pflock unter dem Beifahrersitz.

Hentrich kam um Punkt acht, Anzug über Gummistiefeln, eine Mappe unter dem Arm. Er ging an Wilms vorbei, direkt auf Jeck zu, und wurde leise.

„Sie haben gehört, was Mittwochnacht war.”

„Gehört, ja.”

„Die Drohne. Elftausend EC. Lag mit der Linse in der Erde.” Hentrich sah übers Feld. „Mein Mann sagt, es waren zwei. Ich sag Ihnen das selbst, damit Sie es in Essen nicht von einem anderen hören.”

„Essen?” Wilms hatte gute Ohren. „Ich hab Sie unter Kieswerk stehen, Herr Kessels.”

Beide Lügen kamen in derselben Sekunde auf ihn zu, von links und von rechts.

„Unter Kieswerk stimmt”, sagte Jeck zu Wilms. „Abgerechnet wird über unser Werk.” Hentrich hob den Kopf. „Ihr Werk”, sagte Jeck. „Wer um fünf aufsteht, Herr Hentrich, dem gehört um acht alles.”

Hentrich lachte nicht. Aber er schrieb auch nichts auf, und Wilms lachte für beide.


Reinartz kam zwanzig nach acht, zu Fuß vom Deich herunter, die Brille an der Kette. Er grüßte jeden einzeln mit Namen und ging dann am Rand des Feldes entlang, bis er vor einer Reihe Stöcke stand. Zwölf, an jedem ein Stück Bindfaden, grau vom Tau. Die Erde um die Löcher war dunkel und frisch gegossen. Zwischen dem neunten und dem zehnten Stock war ein vierkantiges Loch, leer.

Reinartz stand davor und fasste mit zwei Fingern nach der Kette.

„MP 3 haben wir nicht, Herr Doktor”, rief Wilms herüber. „Im Gutachten sind’s zwei.”

„Es sind zwei”, sagte Reinartz.

Hentrich zeigte mit der Mappe ins Feld, dorthin, wo das Gras auf einer kleinen Fläche niedergedrückt war. „Den Schurf da, wo die Drohne lag. Da will ich Kies sehen und sonst nichts. Wenn Essen fragt, hab ich ein Foto.”

Der Bagger sprang an. Reinartz sah über das Feld zu Jeck, und Jeck merkte, dass er ausgesucht wurde.

„Herr Kessels. Auf ein Wort.”

Sie gingen den Graben entlang, bis der Motor sie überdeckte. Im Graben stand braunes Wasser, und darin lag ein Klapphocker, drei Beine, eines nach oben. Reinartz sah hin und dann wieder weg.

„Man hat mich gestern Abend angerufen”, sagte er. Leise, sehr deutlich. „Aus Ihrem Haus. Es wurde mitgeteilt, dass meine Buchhaltung von außen gelesen worden ist. Ich soll heute nichts sagen, was nicht im Gutachten steht.”

„Dann sagen Sie mir nichts, was im Gutachten steht.”

Reinartz lächelte freundlich. Er glaubte, das sei ein Test.

Jeck hätte die Legende noch eine Stunde tragen können. Hentrich glaubte sie, Wilms glaubte die andere, und der Mann vor ihm hatte so viel Angst vor Essen, dass er jedem gehorchte, der danach roch. Eine Stunde. Danach rief einer von den dreien in Essen an, und dann stand Kessels in einem Vorgang, in dem schon ein Leser aus Neuss stand.

„Ich bin nicht aus Essen”, sagte Jeck. „Ihr Pflock liegt bei uns. Null-acht-elf und null-acht-zwölf kennt bei uns einer auswendig, mit dem Datum, an dem bezahlt wurde. Viertausend Nuyen für eine Nacht, die im Gutachten fehlt. Ich will nicht wissen, wer. Das weiß ich. Ich will wissen, was.”

Reinartz’ Hand lag noch an der Kette. Sie ließ sie los.

„Es zeigt sich eine Linie”, sagte er. „Sie folgt dem alten Bett. Hier lief der Rhein, bevor man ihn gerade gelegt hat. Bei Tag liegt sie still. Nachts ist sie offen und zieht an allem, was wach ist.” Er sah auf den Hocker. „Es wurde ein Kreis gestreut. Gemessen wurde bis halb drei. Dann wurde abgebrochen.”

„Sie sind gelaufen.”

„Es wurde abgebrochen.”

„Und was ging nach Essen?”

„Eine Empfehlung.” Reinartz sprach jetzt noch leiser, und jedes Wort kam einzeln. „Nass abgraben. Bis auf die Linie, nicht tiefer. Steht Wasser darauf, liegt sie still, auch nachts. Und wer das Ufer hat, hat sie.”

Jeck sah über das Feld, auf achtzehn Hektar Gras, die im Frühjahr ein See werden sollten. Sechzig Prozent des Kieses nach Essen, in Nuyen. Hundert Prozent des Ufers an den, der die Abnahme bezahlte. Hinter dem Konzern stand noch jemand, und der Name lag Jeck auf der Zunge, und er sprach ihn nicht aus. Das tat im Team keiner.

„Keine Kraftlinie”, sagte er. „Haben Sie im Saal gesagt.”

„Das Gutachten wurde bestellt.” Reinartz setzte die Brille nicht auf. „Und so wurde es geliefert.”

„Schwarz auf weiß?”

„Mein Feldbuch wurde eingescannt und übergeben, das Original vernichtet. So war es bestellt.” Er sah Jeck zum ersten Mal gerade an. „Eine Fassung liegt in meinem Büro. Unter Glas. Ich nehme an, Sie wissen, wo.”


Der Schurf war einen Meter zwanzig tief, als das Wasser kam.

Erst war es nur Kies, grau und nass, den der Bagger auf einen Haufen kippte, und Hentrich stand daneben und hielt die Kamera hin. Dann lief es von den Seiten herein, braun zuerst, dann klar, und stieg. Es war Mitte Oktober, die Luft hatte vielleicht acht Grad.

Das Wasser dampfte.

„Grundwasser”, sagte Wilms laut. „Das kommt hier immer, das ist normal. Anderthalb Meter, sag ich immer.”

Reinartz stand fünf Schritte vom Rand. Er machte einen Schritt zurück, dann noch einen, und blieb stehen, weil seine Füße nicht mehr mitgingen. Er stand schräg. Sein Gesicht wurde grau, wie im Saal, und die Hand suchte die Kette und fand sie nicht.

Jeck spürte nichts. Gras, Nebel, Dieselgeruch, sonst nichts. Er ging hin, nahm Reinartz am Oberarm und zog. Zuerst kam nichts. Der Mann war leicht und hing trotzdem fest, bis an die Knie, in etwas, das Jeck nicht sah. Jeck stemmte die Füße ein und zog noch einmal, mit der gezerrten Schulter, die ihm sofort sagte, was sie davon hielt. Reinartz kam frei, stolperte zwei Schritte nach hinten und setzte sich ins nasse Gras.

„Danke”, sagte er, freundlich, und blieb sitzen.

Hentrich hatte nichts gesehen. Er fotografierte den Kies.

„Kies”, sagte er. „Und Wasser. Das ist normal.” Er sagte es zum Telefon, zu Essen, zu sich selbst.

Der Wind kam vom Rhein, von rechts, kalt und gleichmäßig. Über dem Schurf stieg der Dampf auf, eine Handbreit, und legte sich dann flach. Er lief nach links und nach rechts davon, dicht über dem Gras, gegen den Wind und mit ihm, im Bogen, zur Mitte hin breiter.

Bis die Sonne über den Deich kam, stand quer über dem Reservefeld Nierst eine weiße Linie, und jeder am Schurf konnte sehen, wo sie lief.