▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 127 — Mit den Augen

Krey sah Mox an und dann auf das Gestell.

„Den zweiten Platz hab ich.”

„Heute nicht”, sagte Mox.

Krey wischte die Finger an der Hose ab, obwohl sie sauber waren, und stand auf. „Zwölf Minuten. Wenn die Lampe hier gelb wird, ziehe ich, egal wo ihr seid. Die Platte ist von Donnerstag noch nicht kalt.”

Dobs saß schon auf dem Beton, die Datenbuchse hinter dem Ohr frei, und rieb mit dem Daumen an der Stelle darunter, wo es pfiff. Er hatte nicht gefragt, warum Mox mitwollte. Jeck hatte vom Ortstermin angerufen, kurz nach neun, und gesagt, was Reinartz gesagt hatte: unter Glas, ich nehme an, Sie wissen, wo. Danach hatte Mox die Jacke angezogen und war zum Speicher gefahren.

Um elf baute Ostermann ab. Sie wollte ihn sehen, und was er sagte, galt. Er hatte vor, ihr nichts zu sagen, was er nur gehört hatte.

Krey schob ihm den Wandler hinters Ohr. Das Kabel war kalt.


Es war hell.

Mox stand auf einem Steg aus Brettern über schwarzem Wasser, und das Erste, was er merkte, war, dass er das Wasser sah. Lichtpunkte darin, die sich bewegten, Schuppen. Er sah Dobs neben sich, dünner, als er war, mit einem kleinen Tier auf der Schulter, das sich umdrehte und ihn ansah.

Er sah es. Mit den Augen, ohne Umweg. Er ließ es dabei und ging Dobs nach.

Die Leitung lief zwei Hände über dem Wasser, dann über den Rhein, und dahinter lag Düsseldorf, laut und beschildert. Dobs ging schnell. Er redete leise mit dem Tier auf seiner Schulter, kurze Sätze, gleich, bleib, da vorn links, und das Tier antwortete mit dem Schwanz.

Das Büro von Dr. Reinartz war ein weißes Feld mit Pflöcken in Reihen. Am fernen Ende stand der Mann in der orangefarbenen Weste. Sein Fernrohr zeigte auf sie. Es hatte schon auf sie gezeigt, bevor sie da waren.

„Der wartet”, sagte Dobs. „Der hat seit gestern nach Neuss geguckt.”

Der Mann drehte nicht nach. Er musste nicht. Sie kamen genau aus der Richtung, in die er sah, und das Einzige, was sich änderte, war der Abstand. Mox hörte ihn. Ein leises Klicken bei jedem Schritt, irgendwo vorn, und hinter Dobs’ Ohr ein Ton, der höher wurde.

„Geht’s?”

„Geht”, sagte Dobs, und es ging nicht gut.

Die Reihe Nierst. Zwei Pflöcke mit grünen Fähnchen, dahinter die dunkle Stelle mit dem Glas und auf dem Glas das Siegel. Daneben, sauber gesprüht, ein oranges Kreuz mit einem Punkt.

Unter dem Glas lag die Mappe. Sie war aufgeschlagen.

Dobs blieb stehen. „Die war zu.”

Jemand hatte sie geöffnet, seit gestern Abend. Das Glas war unberührt, das Siegel saß. Die Mappe darunter gehörte Reinartz, und ein Mann, der heute Morgen im nassen Gras gesessen hatte, war danach in sein Büro gefahren und hatte sie auf der richtigen Seite aufgeschlagen. Mox kannte ihn kaum, wusste aber, dass Reinartz es so sagen würde, wenn er es sagte: Es wurde aufgeschlagen.

Eine eingescannte Seite, kariert, Bleistift, eine enge, schräge Hand.

Dobs beugte sich vor. „Ich kann’s abschreiben. Lesen kann ich’s nicht. Was sind das für Zeichen?”

Mox kannte die Zeichen. Er hatte sie nie selbst benutzt, er schrieb nichts auf, aber Halm hatte einen Ordner mit solchen Seiten, und Ostermann hatte eine Kladde, in der dieselben Haken und Kreise standen, nur dicker. Ein Hexer notiert, was er sieht, damit ein anderer es nachmessen kann. Es war eine Handwerkerschrift.

„Schreib ab”, sagte er. „Ich les vor.”

18.08. — 23:40 Kreis gestreut, Salz und Eisen, r 4 m, Mitte Bett. Hintergrund schwach, ruhig.

00:35 Hintergrund steigt. Zug nach Westen, flach. Richtung altes Ufer.

01:50 MP 3 gesetzt. Linie bestätigt. Breite ca. 40 m, zur Mitte stärker. Nachts offen. Stufe 5, steigend.

Klick. Der Ton hinter Dobs’ Ohr ging eine Stufe hoch. Das Tier auf seiner Schulter wurde schwerer, Zeile für Zeile, und duckte sich.

„Weiter”, sagte Dobs durch die Zähne.

02:15 Bewuchs im Bett aktiv, über Erwartung. Sammelspuren: Handschnitt, regelmäßig, über Jahre. Jemand erntet hier.

Mox las den Satz noch einmal für sich. Dreißig Jahre Wochenmarkt, freitags in der Furth. Ostermann verkaufte nichts, was nicht wirkte.

02:24 Zug am Beobachter. Kreis hält nicht.

02:31 Abbruch.

Darunter, mit anderem Druck, später geschrieben: Für Essen: nass. Bis auf die Linie.

„Hab’s”, sagte Dobs. „Alles. Mit Uhrzeit.”

Mox sah auf.

Der Mann in der Weste stand nicht mehr am Ende der Reihe. Er stand am Kreuz, drei Schritte entfernt, das Dreibein neben sich, und hatte das Fernrohr von Dobs weggedreht, eine Handbreit nach links. Auf Mox.

Er drehte an der Schraube. Mox spürte, wie etwas an ihm abgetragen wurde. Wo er stand. Wie groß. Dass er neben dem anderen stand und nicht der andere war. Es tat nicht weh. Ein Zollstock, der an einem angelegt wird, tut nicht weh.

„Der misst dich”, sagte Dobs. „Der hat dich nicht auf der Liste, der misst dich neu. Mox, geh weg da.”

Mox blieb, wo er war. Wer gemessen wurde, stand still, das war alles, was er tun konnte, damit es wenigstens stimmte. Er sah dem Mann ins Gesicht. Es gab keins, nur die Weste und den Rücken mit der Schrift, die man nicht lesen konnte.

Hinter Dobs’ Ohr wurde der Ton hell.

Dann wurde das Feld gelb, von den Rändern her, und Krey zog.


Um zwanzig vor elf stand Jeck mit dem Wagen am Ende der Kölner Straße und blieb sitzen. So war es abgemacht.

Mox ging allein über den Markt. Die Stände bauten schon ab, Kisten wurden gestapelt, ein Junge kehrte Kohlblätter zusammen. Er hatte einen Zettel in der Tasche, Dobs’ Schrift, Kugelschreiber auf der Rückseite eines Lieferscheins: zwei Rechnungsnummern, zwei Beträge in Nuyen, ein Datum, und darunter die Seite aus dem Feldbuch, Zeile für Zeile, mit den Uhrzeiten. Dobs hatte sie aus dem Kopf aufgeschrieben, mit Blut an der Oberlippe, und dann eine halbe Stunde auf dem Beton gelegen. Das Pfeifen war geblieben.

Ostermann stand hinter ihrem Tisch und wickelte Bündel in Zeitungspapier. Sie sah nicht auf.

„Herr Mox.”

„Frau Ostermann.”

Er legte den Zettel auf das Holz und den roten Pflock daneben. Sie las den Zettel. Sie las ihn langsam, die Lippen bewegten sich bei den Uhrzeiten, und bei einer Zeile hielt sie an.

„Sammelspuren”, sagte sie.

„Er hat Ihre Schnitte gesehen. Über Jahre.”

„Steht das so da?”

„So steht es da.”

Sie legte den Zettel hin und sah ihn an, gerade und lange. „Sie haben es gelesen.”

„Ja.”

„Mit den Augen.”

„Mit den Augen”, sagte Mox. „Im Netz. Draußen nicht.”

Sie wusste, was draußen war. Sie wusste es länger als das Team. Sie wartete, ob er noch etwas dazu sagte, und als er nichts sagte, griff sie unter den Tisch und holte einen Umschlag hervor, braun, abgegriffen, und zählte ihm daraus zwanzig Hunderter auf das Zeitungspapier. Neue Mark, alte Scheine, sauber gezählt.

„Zweitausend. Das war abgemacht.”

„Das war abgemacht.”

Sie nahm den Pflock in die Hand, drehte ihn, las die Blechmarke und gab ihn ihm zurück. „Den behalten Sie. Bei mir sucht ihn einer.”

„Und das Feld?”

Ostermann wickelte das nächste Bündel ein, Schafgarbe, grau, aus dem letzten Rest. „Im Frühjahr steht da Wasser. Daran ändert Ihr Zettel nichts, und das wusste ich am Mittwoch schon. Ich wollte wissen, wer. Jetzt weiß ich, wer.”

Sie knotete den Bindfaden zu und biss das Ende ab.

„Die in Essen haben mich also im Buch”, sagte sie. „Seit August. Und haben nicht gefragt.”

Mox steckte das Geld ein.

„Dann fahre ich hin”, sagte Ostermann, „und frage, warum nicht.”