▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 128 — Die Waage

„Zwei Anfragen”, sagte Brandt. „Gleiche Sache.”

Er stellte ein Glas ins Regal und nahm das nächste. Die Schleuse hatte um zehn noch nicht auf, die Stühle standen umgedreht auf den Tischen, und es roch nach Wischwasser.

„Von wem?”

„Das Haus. Und der Schiffer mit dem i.” Brandt hielt das Glas gegen das Fenster. „Beide wollen dich. Nicht das Team. Dich.”

Kerstin blieb stehen. „Wofür?”

„Waage.” Er stellte das Glas ab. „Die einen haben was, die anderen wollen es zurück. Keiner geht dem anderen allein entgegen, also stellt man einen in die Mitte. Der Schiffer hat deinen Namen genannt. Das Haus hat gesagt, den kennt es schon.” Das nächste Glas. „Wäscherei, Kölner Straße. Heute, zwölf. Mehr will ich nicht wissen.”


Die Wäscherei hatte samstags zu, und hinten liefen trotzdem die Trockner.

Kerstin stand vor dem Tresen. Dahinter hing ein Vorhang aus Plastikstreifen, milchig, und dahinter war es warm. Sie schaltete die Augen auf Wärme. Die Trockner wurden drei weiße Blöcke. Davor saßen zwei Menschen, ein dritter stand links an der Wand, groß, der rechte Arm dunkel und kalt in einer Schlinge, die linke Hand an der Hüfte. Die Hand war heller als der Rest. Sie lag schon eine Weile dort.

Tanaka kam durch den Vorhang, die Streifen klapperten hinter ihm zu. Grauer Anzug, keine Krawatte, ein Blatt Papier in der Hand.

„Frau Olivia. Es ist uns lieb, dass Sie kommen.”

„Der links an der Wand kann die Hand von der Hüfte nehmen.”

Tanaka bewegte sich nicht. Er drehte nur den Kopf zum Vorhang. „Herr Ishida. Setzen Sie sich bitte.”

Hinter den Streifen setzte sich die dritte Gestalt. Die helle Hand wanderte auf ein Knie.

„Herr Kazuo Fujimura”, sagte Tanaka, „ist seit Donnerstagabend Gast bei Leuten aus Nimwegen. Er sollte am Düsseldorfer Hafen etwas abholen, für einen Kunden des Hauses. Er hat es abgeholt. Die Leute aus Nimwegen sagen, es gehörte ihnen.”

„Gehörte es ihnen?”

„Das Haus hat eine Quittung.” Er legte das Blatt auf den Tresen, umgedreht. „Dienstag, dreiundzwanzig Uhr, die Fähre in Zons. Der Fährmann ist bezahlt. In der Mitte des Flusses gehört sie keinem. Von Zons kommt das Haus mit dem Geld, von Urdenbach kommen die anderen mit Herrn Fujimura und einem Paket. Sie stehen dazwischen. Sie zählen das Geld, Sie tragen es hinüber, Sie bringen Herrn Fujimura und das Paket zurück. Beide Seiten nehmen Ihre Zahl.”

„Was ist im Paket?”

„Das Paket ist nicht Ihre Sache.”

„Ich trage, was ich zähle.”

Tanaka sah sie an, ohne zu blinzeln. „Eine Kiste von dreißig Zentimetern”, sagte er. „Sie zählen eins.”

„Kazuo hat an meinem Sporn gehangen.”

„Deshalb.” Neben seinem Mund stand eine Falte und war sofort wieder fort. „Wenn die Frau, die ihn festgehalten hat, ihn heil über den Fluss bringt, glaubt es die Furth. Herr Smit sagt, Sie bringen zurück, was Sie mitnehmen. Und das Haus hat gesehen, was Sie im Dunkeln tun.”

Er zog einen Umschlag aus der Innentasche und legte ihn neben das Blatt. „Fünftausend Nuyen. Die Hälfte heute.”

Kerstin rührte den Umschlag nicht an. „In Neuss zahlt in Nuyen nur, wer einen Kunden in Düsseldorf hat. Mitsuhama.”

„Ein Kunde des Hauses.”

„In EC.”

Tanaka sprach wieder zum Vorhang. „Herr Ishida. Die andere Kasse.”

Der Große stand auf, ging nach hinten und kam mit einem Bündel zurück, das er einhändig auf den Tresen legte, ohne Kerstin anzusehen. Tanaka zählte selbst, Schein für Schein, und schob ihr drei Riesen EC hin.

„Sechstausend. Der Rest am Mittwochmorgen, hier.”

Kerstin steckte das Geld ein. Das umgedrehte Blatt ließ sie liegen.


Um zehn vor elf in der Nacht parkte sie den Wagen an der Zollfeste in Zons, unter der alten Mauer, und ging zu Fuß zum Rhein hinunter.

Die letzte Fähre war um zehn gegangen. Jetzt lag sie am Anleger, flach und breit, die Rampe heruntergelassen, das Steuerhaus dunkel. Keine Lampe am Ufer, nur drüben in Urdenbach ein paar Fenster. Für Kerstin war das genug. Im Restlicht lag das Wasser grau und schnell da, das Deck darüber hell, jede Niete am Geländer zählbar. Zwei Bänke an der Reling, eine links, eine rechts. Ein Kassenhäuschen an der Rampe, Holz, mit einem Fensterladen davor.

Sie stellte auf Wärme um.

Das Wasser wurde schwarz. Die Fähre blieb kalt bis auf das Steuerhaus, wo der Motor noch nachglühte. Unter der linken Bank, an der Unterseite der Sitzfläche, leuchtete ein Fleck. Ein Handballen, vier Finger. Er wurde blasser, während sie hinsah. Jemand hatte vor wenigen Minuten dort hingefasst.

Hinter dem Kassenhäuschen kauerte eine Gestalt, warm vom Scheitel bis zu den Knien, die Hände vor dem Mund. Er hauchte hinein. Ihm war kalt, und er wartete.

Kerstin ging über die Rampe aufs Deck, ohne sich umzudrehen, und kniete sich vor die linke Bank. Klebeband, doppelt gewickelt, noch warm. Darin eine Pistole, kurz, das Magazin drin. Sie riss das Band mit einem Ruck ab.

Hinter ihr knirschte Kies.

Sie war schon herum, bevor der Fuß die Rampe traf. Der Junge kam schnell, gerade, das Messer tief, die Klinge nach oben gedreht. Gelernt hatte er das vom Zusehen. Der Sporn fuhr rechts aus, sie nahm die Messerhand mit der flachen Seite weg, nach außen, und die Spitze strich an ihrem Oberarm entlang, durch die Jacke, heiß und dünn. Dann hatte sie sein Handgelenk. Dann lag die Kante des Sporns unter seinem Kinn, und er stand auf den Zehen.

Die Pistole hielt sie noch in der linken Hand. Der Arm darunter zitterte. Sie legte sie aufs Geländer, ohne hinzusehen.

„Messer fallen lassen.”

Es fiel aufs Deck und rutschte gegen die Bordwand.

Er war vielleicht zwanzig. Schwarze Jacke, zu dünn für die Nacht, frisch geschnittene Haare. Er atmete durch die Nase und sah an ihr vorbei auf das Wasser.

„Wer hat dich geschickt? Nimwegen?”

„Kenn ich nicht.”

„Smit?”

„Kenn ich auch nicht.” Er sprach rheinisch, mit Endungen, die zu sauber saßen. Die Furth hatte ihm das beigebracht.

Kerstin nahm den Sporn einen Fingerbreit herunter, damit er reden konnte. „Dienstag stehe ich hier. In der Mitte. Wer dann schießt, schießt auf mich.”

„Auf Sie nicht.” Er schluckte gegen die Kante. „Auf Sie hat keiner was. Er soll nur nicht ankommen.”

„Kazuo.”

Der Junge sagte nichts.

Sie ließ ihn los. Er stolperte rückwärts die Rampe hinunter, fing sich am Kassenhäuschen und blieb dort stehen, eine Hand am Holz, die andere am Hals. Unter dem Jackenärmel lief es Kerstin warm in die Armbeuge. Nicht tief. Sie hob das Messer auf, klappte es zu und steckte es mit der Pistole ein.

„Sag dem, der dich geschickt hat, die Bank ist leer.”

Er nickte nicht. Er sah sie an, über den Abstand, im Dunkeln, in dem er nichts sah und sie alles.

„Er hat sich vor Herrn Tanaka festhalten lassen”, sagte er. „Von einer Frau. Das Haus vergisst so etwas nicht.”