Kapitel 129 — Abholschein
Kerstin legte die Pistole auf den Beton, das Klappmesser daneben, und setzte sich auf eine Kabeltrommel. Unter dem Jackenärmel trug sie einen frischen Verband. Sie hatte ihn selbst gewickelt, das sah man.
„Er hat die Bank gekannt”, sagte sie. „Er hat die Fähre gekannt. Er wusste, dass am Dienstag einer in der Mitte steht. Das weiß das Haus, Smit und ich.”
„Und der Fährmann”, sagte Dobs.
„Und der Fährmann.”
Es war Sonntag, kurz nach zehn, und auf dem Speicher roch es nach heißem Staub. Gesa saß am Gestell und wickelte ein Kabel ab, Hand über Hand. Töle hockte daneben auf einer Obstkiste und tat so, als höre er nicht zu.
„Die Wäscherei hat einen Rechner”, sagte Dobs. „Kasse, Maschinen, Abholscheine. Wenn das Haus irgendwo aufschreibt, wer was kriegt, dann da. Die schreiben alles auf. Das hat Jeck gesagt, beim Pfandhaus, die haben sogar —”
„Geh rein”, sagte Kerstin.
Gesa sah nicht auf. „Nicht allein.”
„Ich weiß.”
„Ich weiß, dass du’s weißt. Ich sag’s trotzdem.” Sie zog den zweiten Wandler aus der Kiste und hielt ihn Töle hin, ohne hinzusehen. „Kind. Du guckst. Er liest. Wenn ich am Kabel ziehe, gehst du zuerst.”
Töle hatte den Wandler schon hinter dem Ohr, bevor sie fertig war.
Die Wäscherei war innen größer als außen.
Eine Stange lief durch den Raum, so lang, dass Dobs ihr Ende nicht sah, und an der Stange hingen Kleider in Folienhüllen, dicht an dicht, Hemden, Mäntel, Anzüge. An jeder Hülle steckte mit einer Sicherheitsnadel ein Zettel, gelb, nummeriert, mit Tinte beschrieben. Es roch nach nichts. Ganz vorn stand ein Tresen mit einer Klingel darauf, und hinter dem Tresen saß eine Frau in einem grauen Kittel, die Hände gefaltet, einen Stempel daneben.
Das Konstrukt auf Dobs’ Schulter machte sich flach.
„Die guckt”, flüsterte Töle.
„Ich seh’s.”
Er sah es nicht. Er sah eine Frau, die geradeaus blickte. Aber sein Kleiner lag platt auf der Schulter und rührte den Schwanz nicht, und Töle stand ganz still, und Töle stand sonst nie still.
„Die guckt auf den Boden”, sagte Töle. „Wer über den Boden geht, kriegt einen Stempel.”
„Dann gehen wir nicht über den Boden.”
Sie gingen unter der Stange. Die Folien streiften Dobs’ Gesicht, kühl und glatt. Hinter dem Ohr, wo es seit Donnerstag pfiff, saß der Ton wieder, leise und gleichmäßig, ein Draht unter Spannung. Er sagte es niemandem.
Die Zettel waren Buchhaltung. Das verstand er nach dem dritten. Spielhalle Furth, Woche 41, Wechselgeld 4.000 EC. Pfandhaus, Einlösung, Schein 2-118. Wagen, Tanken, 160 EC. Unten auf jedem Zettel saß ein runder roter Stempel mit zwei Zeichen darin, die er nicht lesen konnte. Es waren immer dieselben fünf, sechs Stempel. Jeder gehörte jemandem.
„Das ist Tanaka”, sagte Töle und zeigte auf den häufigsten. „Der mit dem Fenster.”
Das obere Zeichen war ein Kasten mit einem Kreuz darin. Ein Fenster, wenn man sechs war.
Weiter hinten wurden die Hüllen dunkler und die Zettel kürzer. Ein Haken, über dem ein Kartonschild hing: Düsseldorf. Darunter ein Mantel, dessen Zettel in Nuyen geschrieben war. Hafen, Abholung Do 13.10., Kunde. Kein Name. Ein Fenster-Stempel, gerade.
Dann ein Haken mit Zons.
Fährmann, Di 18.10., 1.500 EC. Fenster, gerade.
Fähre, Schlüssel, Sa 15.10., 20 Uhr, zurück So. Fenster, gerade.
Und eine Hülle, in der eine dünne schwarze Jacke hing, Größe M, schmal geschnitten. Der Zettel daran war älter als die anderen, das Gelb ausgeblichen, und oben stand in alter Tinte nicht abgeholt seit März. Darunter, frisch: ausgegeben Fr 14.10., 300 EC.
Der Stempel war ein Fenster.
Dobs las den Zettel zweimal. Er hatte das Gefühl, etwas falsch zu sehen, und fand es nicht.
„Der steht quer”, sagte Töle.
„Was?”
„Bei den anderen ist das Fenster oben.” Töle hob die Hand und machte mit dem Finger ein Kästchen in die Luft, dann noch eins daneben. „Hier ist es links. So.”
Dobs sah hin. Das Kind hatte recht. Derselbe Stempel, dieselben zwei Zeichen, aber eine Vierteldrehung weiter, das Fenster auf der Seite liegend. Er ging zurück zu den anderen Haken. Spielhalle: oben. Pfandhaus: oben. Fährmann, Schlüssel, Düsseldorf: oben. Er ging die ganze Stange entlang, so weit er kam, und fand nur diesen einen.
Hinter dem Ohr wurde der Ton höher.
Dann klingelte vorn die Klingel.
Die Frau im Kittel war aufgestanden. Sie sah jetzt nicht mehr geradeaus. Sie sah die Stange entlang, und wo sie hinsah, hörten die Folien auf zu schwingen.
„Ihr Abholschein”, sagte sie. Sie sprach nicht laut, und es kam von überall.
„Raus”, sagte Dobs. „Töle, zieh.”
„Die lässt keinen raus ohne Schein.” Töle war blass geworden. Im Netz wurde man nur blass, wenn man es selber glaubte. „Die stempelt dich. Dann steht man drin.”
Dobs wusste, was das hieß. Ein Name im Buch des Hauses, eine Uhrzeit, eine Tür, an der morgen um sieben jemand nachsah. Die Frau kam um den Tresen herum. Sie ging langsam. Den Stempel hielt sie in der Hand.
Er hätte jeden Zettel nehmen können. Wechselgeld, Tanken, irgendein Hemd.
Er riss den Zettel von der schwarzen Jacke.
„Was machst du?”
„Abholen.”
Er ging der Frau entgegen, über den Boden, wo man gestempelt wurde, und legte den gelben Zettel auf den Tresen. Sie sah ihn nicht an. Sie sah den Zettel an. Der Stempel kam herunter, und Dobs zog die Hand zu spät weg. Es traf die Fingerkuppen, drei davon, kalt und dann gar nicht mehr.
Abgeholt, stand jetzt auf dem Zettel, rot, gerade. So 16.10., 10:31.
Die Frau setzte sich wieder hin und faltete die Hände.
„Jetzt”, sagte Dobs, und Gesa zog.
Er lag auf dem Beton und sah die Dachbalken an. Neben ihm würgte Töle, nicht viel, und Gesa hielt ihm die Stirn, mit einer Hand, ohne ein Wort.
Kerstin stand über Dobs. „Was hast du gemacht?”
„Die Jacke abgeholt.” Er setzte sich auf. Die Nase war trocken. Das war gut. „Der Junge hatte eine Jacke aus der Wäscherei. Die hing seit März, keiner hat sie geholt, und am Freitag hat das Haus sie für dreihundert EC ausgegeben. Unter Tanakas Stempel.”
„Dann war’s Tanaka.”
„Der Stempel war quer.”
Kerstin wartete.
„Alles andere hat er gerade gestempelt. Den Fährmann, den Schlüssel, die Abholung in Düsseldorf, die in Nuyen. Die Jacke ist quer. Töle hat’s gesehen, ich nicht.” Er hörte sich selbst zu schnell reden und konnte nicht aufhören. „Und jetzt steht da abgeholt. Sonntag, halb elf. Morgen um sieben macht die Wäscherei auf, und wer die Jacke ausgegeben hat, liest, dass sie einer abgeholt hat, den er nicht kennt. Der muss dann was machen. Oder er muss nichts machen, dann war’s der nicht.”
„Du hast ihm einen Zettel hingelegt.”
„Ich musste einen hinlegen. Ich hab mir nur ausgesucht, welchen.”
Gesa sah zu ihm herüber, kurz, und dann wieder auf das Kind.
Töle wischte sich den Mund am Ärmel ab, nahm einen Bleistiftstummel aus der Hosentasche und zeichnete auf den Rand eines Kartons zwei Kreise. In beide setzte er ein Kästchen mit einem Kreuz und darunter einen Haken. Im ersten Kreis stand das Kästchen oben. Im zweiten lag es links.
Kerstin riss das Stück Karton ab und steckte es in die Innentasche, zu dem Messer.
„Dienstag”, sagte sie. „Bis dahin keiner mehr in diesen Rechner.”
Auf der Kochplatte hinten, wo die Fenster blind waren, stand Kaffee. Kerstin goss einen Becher voll und hielt ihn ihm am Henkel hin. Dobs nahm ihn mit der rechten Hand um den Bauch. Er war heiß, das wusste er, weil sie ihn am Henkel gehalten hatte, und er hielt ihn trotzdem fest.
In den drei Fingern, die gestempelt worden waren, spürte er nichts.