▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 130 — Mit links

Um zwanzig vor sieben regnete es auf der Kölner Straße so fein, dass die Scheibenwischer bei jedem dritten Gang quietschten. Jeck stellte sie ab.

„Die Wäscherei hat zwei Türen”, sagte er. „Vorne die mit der Klingel. Hinten eine zum Hof, da stehen die Mülltonnen von der Spielhalle. Wer um sieben aufschließt, hat den Schlüssel. Wer um fünf nach kommt, hat ihn nicht.”

Mox saß auf dem Beifahrersitz und sah durch die Frontscheibe auf ein Schaufenster mit weißer Folie bis auf Kopfhöhe. Darüber stand in blauen Buchstaben Textilpflege Kölner Straße, das e in Pflege hing schief. Daneben eine Spielhalle mit heruntergelassenem Gitter, daneben ein Pfandhaus, das erst um zehn aufmachte.

„Und wenn um fünf nach keiner kommt?”

„Dann hat Dobs einen Zettel umsonst abgeholt.” Jeck schraubte den Becher von der Thermoskanne und goss ein. „Hat er nicht. Ein Haus, das seine Wechselgeldkasse aufschreibt, liest morgens sein Buch.”

Er hielt ihm den Becher hin, am Henkel. Mox nahm ihn um den Bauch, mit der ganzen Hand. Der Kaffee war gerade erst aus der Kanne, und er hielt ihn trotzdem so.

Jeck sah auf seine Hand. Dann goss er sich selbst ein.

Um sieben ging innen ein Licht an. Eine Frau in einem grauen Kittel schloss die Vordertür von innen auf, hängte das Schild um und verschwand hinter der Folie. Sie war klein und hatte die Haare zu einem Knoten gesteckt. Mox hatte sie nur aus Dobs’ Erzählung gekannt, und da hatte sie einen Stempel in der Hand gehabt und von überall gesprochen. Hier trug sie einen Eimer.

Um zwölf nach sieben kam Ishida.

Er kam zu Fuß von der Furth herunter, ohne Schirm, den rechten Arm in der Schlinge, eine Plastiktüte in der linken Hand. Er ging nicht schnell. Vor der Tür blieb er stehen und sah die Straße hinauf und hinunter, einmal, und der Blick ging über den Wagen weg, ohne anzuhalten. Dann war er drinnen. Die Folie schluckte ihn.

„Tanakas Mann”, sagte Jeck. „Der hat beim Pfandhaus neben ihm gestanden, als ich die Platte rübergegeben habe. Mich kennt der.”

„Mich nicht.”

„Dich kennt keiner, das ist dein ganzes Handwerk.” Jeck trank. „Du gehst da rein, gibst ein Hemd ab und siehst nichts. Hinter der Folie ist ein Vorhang, hinter dem Vorhang sind die Trockner, und wo er das Buch liest, kommst du nicht hin. Kerstin hat das mit Wärme gesehen. Du hast keine Wärme.”

Mox stellte den Becher in die Ablage.

Er hatte keine Wärme. Er hatte auch keinen Blick mehr, der durch eine Folie ging, seit dem Kühlhaus nicht, und alles, was ihm geblieben war, kostete. Die Hand lag auf seinem Knie, der Handrücken unter einem Pflaster, das er am Freitag gewechselt hatte. Darunter war es zu, fast.

Morgen um elf in der Nacht stand Kerstin in der Mitte des Flusses und zählte Geld, und irgendwer im Haus wollte, dass der, den sie zurückbrachte, nicht ankam. Wer das war, wusste vielleicht der Mann hinter der Folie. Oder er wusste es nicht. Das ließ sich ansehen.

„Mach das Radio an”, sagte Mox.

Jeck sah ihn an. „Warum?”

„Damit ich nicht höre, wie du fragst.”

Jeck machte das Radio an. Ein Sender aus Köln, Verkehrsmeldungen, ein Stau auf der Severinsbrücke. Er drehte leiser, nicht aus.

Mox zog das Pflaster ab. Die Haut darunter war rosa und dünn. Er legte die rechte Hand flach an die Seitenscheibe, das Glas kalt und nass von außen, und richtete die Augen auf das e in Pflege, das schief hing.

Schlange mochte das nicht. Sie mochte keine geraden Wege und keine Scheiben. Er bat sie nicht. Er nahm das Wenigste, das sich nehmen ließ, eine Stufe, die er früher im Schlaf gewirkt hätte, und schob es durch das Glas, über die nasse Straße, durch die Folie.

Es ging. Es ging leicht, und das Leichte daran war gelogen.

Er sah die Theke. Er sah sie von oben, schräg, aus einer Ecke, wo die Decke feucht war. Eine Klingel, ein dickes Kassenbuch mit einem roten Band zwischen den Seiten. Die Frau im Kittel stand an einer Bügelpresse und sah nicht her. Ishida stand vor dem Buch. Er hatte es mit der linken Hand aufgeschlagen, und der Zeigefinger lag auf einer Zeile.

Mox kam näher heran. Das kostete. Er fühlte es nicht in der Hand, noch nicht, sondern weiter weg, am Hafen, wo in einem Container ein Aggregat lief. Etwas, das er dort hielt, hielt er jetzt mit einem Finger weniger. Der Kühler würde es merken. In einer Stunde vielleicht, oder bis heute Abend.

Unter Ishidas Finger stand, mit Tinte geschrieben: Jacke, schwarz, M — ausgegeben Fr 14.10., 300 EC. Darunter, mit rotem Stempel: abgeholt, So 16.10., 10:31.

Ishida las die Zeile viermal. Dann griff er in die Plastiktüte, nahm einen kleinen Stempel heraus, rund, mit einem Holzgriff, und hielt ihn in der Faust. Er klappte das Buch zwei Seiten weiter, wo es leer war, nahm einen Kugelschreiber zwischen die Zähne, legte den Stempel ab, schrieb mit der linken Hand, langsam, und nahm den Stempel wieder auf.

Mox sah, wie er ihn hielt. Die Faust über dem Griff, die Knöchel nach vorn, das Handgelenk eingedreht, weil die Hand die falsche war. Der Stempel kam herunter. Ishida drückte ihn fest und hob ihn ab.

Der rote Kreis saß auf dem Papier. Darin zwei Zeichen. Das obere war ein Kasten mit einem Kreuz, und der Kasten lag links.

„Mox.”

Jeck hatte etwas gesagt, schon vorher. Mox hörte es erst jetzt.

„Du blutest auf meinen Türgriff.”

Er nahm die Hand von der Scheibe. Der Handrücken war offen, nicht schlimm, ein Streifen, aus dem es langsam lief, über das Gelenk in den Ärmel. Auf dem Glas blieb ein Abdruck aus Regen und Rot. Jeck hielt ihm ein Taschentuch hin, ohne hinzusehen. Er sah auf die Folie der Wäscherei.

Mox wickelte das Tuch um die Hand. Es wurde sofort dunkel.

„Er hat die Jacke ausgegeben”, sagte er. „Ishida. Unter Tanakas Stempel. Er hat ihn in der Tasche. Er stempelt mit links, weil rechts nichts geht, und mit links dreht er ihn.”

Jeck sagte eine Weile nichts. Im Radio kam ein Wetterbericht, Regen bis zum Mittwoch.

„Tanakas Mann hat Tanakas Stempel.”

„Ja.”

„Dann hat Tanaka ihm den gegeben, oder er hat ihn sich genommen.” Jeck strich mit dem Daumen über den Becherrand. „Und einer von beiden will nicht, dass Kazuo über den Fluss kommt. Und wir wissen nicht, welcher.”

„Er hat gerade was Neues gebucht.”

„Was?”

Mox schloss die Augen. Er hätte es nicht noch einmal gekonnt, und er musste es nicht. Er hatte die Seite gesehen, bevor die Hand vom Glas ging, und eine Seite, die er einmal gesehen hatte, behielt er. Das war geblieben, das kostete nichts.

„Urdenbach”, sagte er. „Dienstag, 18.10., zweiundzwanzig Uhr dreißig. Zwei Mann, Anleger, ohne Wagen. Sechshundert EC.” Er öffnete die Augen. „Quer gestempelt. Und daneben, kleiner, mit Bleistift: nicht Zons.”