Kapitel 131 — Flussmitte
Die Weiden in der Urdenbacher Kämpe standen bis an die Knie im Wasser, und Kerstin lag seit zwanzig Minuten zwischen ihnen auf dem Bauch.
Um zehn hatte sie den Fährmann in Zons aus dem Steuerhaus geklopft. Ein Alter mit Wollmütze, der von einem Schein mit Tanakas Stempel wusste und von sonst nichts. „Leerfahrt?“, hatte er gesagt. „Schreib ich dem Haus auf.” — „Auf mich”, hatte sie gesagt. „Nachher.” Er hatte sie drüben abgesetzt und war zurückgefahren, ohne zu fragen, und um Viertel vor elf würde er wiederkommen.
Den Rest wusste sie seit Montagmittag, von Jeck, in vier Sätzen. Mox hatte daneben gesessen, die rechte Hand frisch verbunden, und nichts ergänzt. Urdenbach, Anleger, zwei Mann, ohne Wagen. Nicht Zons.
Sie hatte das Wärmebild an. Der Rhein war eine schwarze Fläche, die Weiden graue Striche, der Deich ein kühles Band. Drüben in Zons glühte das Steuerhaus der Fähre, und an der Zollfeste stand ein Motorblock, der noch warm war. Jecks Wagen.
Um zweiundzwanzig Uhr einunddreißig kamen sie den Deich herunter.
Zwei warme Gestalten, eine größer, eine schmal. Die größere trug etwas Langes über der Schulter, kalt bis auf den Riemen, wo die Hand lag. Sie gingen nicht zum Anleger. Fünfzig Meter oberhalb bogen sie ins Gestrüpp, und der Große legte sich hin, auf eine Plane, mit dem langen Ding vor sich. Von dort sah man über die Uferkante hinweg genau in die Mitte des Flusses.
Ein Gewehr. Auf dem Lauf saß ein Kasten, der ein wenig Wärme abgab. Restlichtvisier, batteriegetrieben.
Kerstin wartete, bis der Schmale sich neben ihn kniete. Dann stand sie auf.
Bis zu ihnen waren es achtzehn Schritte durch nasses Gras. Bei zwölf hörte der Große sie. Er war gut. Er riss das Gewehr herum, Lauf zuerst, aus dem Liegen, ohne erst nach dem Geräusch zu sehen, und ihr Körper war schon unterwegs, bevor der Kopf das zu Ende gedacht hatte. Sie ging nach links, tief. Der Schuss war ein flacher Knall, und hinter ihr splitterte eine Weide.
Der rechte Sporn fuhr aus. Sie schnitt den Riemen durch, an dem er das Gewehr hielt, und griff mit der linken nach dem Lauf.
Die linke trug nicht. Sie wusste es in dem Moment, in dem sie zufasste, und da war es zu spät, um es anders zu machen. Der Arm gab nach, der Große drehte das Gewehr, und der Kolben kam gegen ihre Rippen, links, unter der Achsel. Ihr blieb die Luft weg.
Sie ließ den Lauf nicht los. Sie zog ihn zu sich, statt zu drücken, und als er nachfasste, legte sie ihm die rechte Hand mit dem Sporn flach auf das Handgelenk. Die Klinge lag auf der Haut. Sie schnitt nicht.
„Loslassen.”
Er ließ los.
Der Schmale hatte sich nicht bewegt. Er kniete in der Plane, die Hände halb oben. Sie kannte die Hände. Am Samstag hatte eine davon ein Messer gehalten.
„Sie schon wieder”, sagte er.
„Neue Jacke”, sagte Kerstin. Sie bekam die Luft nur in kleinen Stücken. „Wer hat euch gebucht?”
Der Große sah sie an und sagte nichts. Er war um die vierzig, rasiert, ruhig. Den hatte keiner aus Versehen geschickt.
„Sechshundert EC”, sagte sie. „Anleger Urdenbach, halb elf, zwei Mann. Quer gestempelt.”
Etwas in seinem Gesicht verschob sich, nur ein wenig. Er hatte nicht gewusst, dass es aufgeschrieben war.
Sie nahm das Magazin aus dem Gewehr, steckte es ein und hängte sich das Gewehr am durchschnittenen Riemen über die rechte Schulter. „Den Deich rauf. Nach Benrath. Wer sich umdreht, den sehe ich.”
Sie gingen. Kerstin sah ihnen nach, bis die beiden warmen Flecken hinter dem Deich kleiner wurden und dann weg waren. Erst danach legte sie die Hand an die Rippen. Gebrochen war nichts. Es fühlte sich trotzdem so an.
Tanaka stand am Anleger in Zons im grauen Mantel, neben ihm zwei Männer, die sie nicht kannte. Ishida war nicht dabei. Oben an der Zollfeste stand, ein Stück von Jecks Wagen entfernt, eine schwarze Limousine mit Düsseldorfer Nummer, D-MH. Der Fuhrpark in Heerdt. Mitsuhama wartete auf seine Kiste.
Tanaka sah das Gewehr an ihrer Schulter, und er bewegte sich nicht.
„Nachher”, sagte Kerstin.
Er reichte ihr eine Aktentasche. Sie öffnete sie auf dem Geländer und zählte im Restlicht, vier Bündel, je hundert Hunderter. Vierzigtausend EC. Die Rippen meldeten sich bei jedem Bündel, das sie umdrehte.
„Stimmt.”
Um elf lag die Fähre in der Flussmitte, Motor im Leerlauf, gegen den Strom gestellt. Von Urdenbach kam ein Aluminiumboot mit Außenborder, ohne Licht. Am Ruder saß Smit.
Er legte an, warf eine Leine über den Poller und sah zu ihr herauf. „Pegel Düsseldorf zwei Meter sechzig. Wir treiben fünf Meter die Minute. Wir haben vier Minuten.”
Neben ihm im Boot saßen zwei Männer in Ölzeug und zwischen ihnen Kazuo Fujimura, die Hände im Schoß, den verkürzten kleinen Finger über die anderen gelegt. Zu seinen Füßen stand eine Kiste aus grauem Kunststoff, dreißig Zentimeter.
Kerstin reichte die Tasche hinunter. Einer der beiden Ölzeugmänner zählte, schneller als sie. Smit nahm die Tasche danach in die Hand, hob sie zweimal an und stellte sie ab.
„Gewicht stimmt.”
„Kiste.”
Smit gab sie ihr. „Elf Kilo.”
Sie stellte sie aufs Deck. „Kazuo.”
Kazuo stand auf. Er stieg ohne Hilfe über die Bordwand, das Boot schaukelte, und er stand vor ihr auf den Planken und sah sie an. Im Pfandhaus hatte er an ihrem Sporn gehangen. Jetzt sah er auf das Gewehr an ihrer Schulter und dann zum Urdenbacher Ufer, wo nichts zu sehen war.
„Am Anleger hat einer gelegen”, sagte Kerstin zu Smit hinunter. „Für ihn.”
„Jetzt?”
„Jetzt nicht mehr.”
Smit warf die Leine los. „Der Platz an Bord steht”, sagte er, und dann trieb das Boot schon ab, und der Außenborder sprang an.
Am Zonser Anleger ging Kazuo vor ihr die Rampe hinauf, und Tanaka verbeugte sich vor ihm, nicht tief. „Herr Fujimura. Es ist uns lieb, dass Sie zurück sind.”
Kerstin stellte die Kiste auf das Brett vor dem Kassenhäuschen. Daneben legte sie das Gewehr und das Magazin. Dann nahm sie den Karton aus der Innentasche, den Rand mit den zwei Kreisen, und legte ihn obendrauf.
Tanaka sah lange darauf. Im ersten Kreis lag das Fenster oben, im zweiten links.
„Herr Ishida verwahrt meinen Stempel seit dem Sommer”, sagte er. „Seit er nicht mehr tragen kann. Das Haus wollte ihm etwas zu tun geben.” Er sprach zu dem Mann hinter sich. „Bringen Sie die Kiste nach oben. Und dann holen Sie Herrn Ishida. Heute noch, bitte.”
Der Mann nahm die Kiste und ging.
„Sie haben in unser Buch gesehen, Frau Olivia.”
„Einer hat eine Jacke abgeholt.”
Tanaka zog einen Umschlag aus dem Mantel. „Der Rest. Das Haus zahlt nicht am Mittwoch, was es am Dienstag schuldet.” Er legte ihn neben den Karton. „Dreitausend EC. Und das Haus schuldet Ihnen etwas, das nicht im Umschlag ist. Es steht jetzt in unserem Buch, mit Ihrem Namen. Das gehört sich.”
Sie nahm den Umschlag. Den Karton ließ sie liegen.
Oben an der Zollfeste fuhr die schwarze Limousine an. Kazuo stand noch auf der Rampe, allein. Keiner der Männer des Hauses ging zu ihm hin.
Kerstin ging zum Kassenhäuschen. Der Fensterladen war offen, der Fährmann saß dahinter mit einer Taschenlampe und einem Kreuzworträtsel. Sie zog fünfzig EC aus dem Umschlag und legte sie ihm auf das Rätsel.
„Die Leerfahrt.”