Kapitel 132 — Senkblei
Kerstin kam kurz nach zehn von Halm zurück, und draußen hatte der Regen gerade aufgehört.
Sie zog im Flur die Stiefel aus, mit der rechten Hand, die linke flach unter der Achsel. Dann stellte sie die Stiefel nebeneinander an die Wand, die Spitzen zur Tür.
Dobs sah es vom Küchentisch aus. Im September hatte er an der Tankstelle auf der Gladbacher Straße ein Heft aus derselben Reihe gekauft, eine andere Nummer, für drei EC, und es unter der Matratze gelesen. Auf Seite zwölf kam Olivia nachts in eine Berghütte, hängte den Mantel an einen Nagel und stellte die Stiefel mit den Spitzen zur Tür.
Er sah wieder auf sein Brot.
„Nichts gebrochen”, sagte Kerstin. Sie setzte sich auf die Bank, in zwei Abschnitten. „Halm sagt, drei Wochen nicht drehen.”
„Und?”
„Ich hab gesagt, ich dreh nicht.”
Unter dem Pullover sah er den Rand der Pflasterstreifen, breit und hautfarben, schräg über die Rippen gezogen. Halm klebte immer schräg.
Dobs aß mit links. Die rechte Hand lag unter dem Tisch auf seinem Knie, und drei Finger davon meldeten seit Sonntag nichts mehr. Er hatte gelernt, das Brot so zu schmieren, dass es niemand merkte, und das Rübenkraut lief ihm trotzdem über den Daumen.
„Jeck?”
„Bei Odenthal. Er will die Quittung vom Wirt sehen, bevor November ist.” Er leckte den Daumen ab. „Mox war weg, bevor ich wach war.”
An der Kühlschranktür hing ein Blatt, oben in Jecks Schrift Wer — wo — bis wann, darunter Zeilen in vier Händen. Die letzte war von Mox, klein und schräg: M — Hafen —. Danach kam nichts.
„Ich fahr nachher zu Krey”, sagte Dobs. „Der Wandler pfeift.”
Kerstin sah ihn an. „Der Wandler.”
„Links. Krey soll mal drangucken.”
Sie zeigte mit dem Kinn auf den Kühlschrank. Dobs stand auf, nahm den Stift von der Schnur und schrieb mit links: D — Speicher — 18 Uhr. Die Buchstaben fielen nach hinten.
Kerstin sah auf die Buchstaben und nicht auf ihn.
Krey hatte den Wandler unter der Lupe, zwischen zwei Klemmen, und hielt eine Prüfspitze an den Kontakt hinter der Spule. Auf dem kleinen grünen Schirm daneben lief eine Linie, flach und ruhig.
„Pfeift nicht”, sagte er.
„Ich hör’s aber.”
„Zweiundzwanzig Monate, Kontakte blank, keine kalte Lötstelle.” Er nahm die Spitze weg. „Dann ist es nicht im Wandler.”
Er schraubte ihn Dobs wieder hinters Ohr, mit zwei Fingern, die das hundertmal gemacht hatten. Im hinteren Speicher roch es nach Lötzinn. Gesa war nicht da und Töle auch nicht, nur das Brummen vom Aggregat nebenan und Regenwasser, das irgendwo in einen Eimer tropfte.
„Prüfstand”, sagte Krey. „Zehn Minuten. Dann zieh ich.” Er setzte sich an das zweite Gestell und legte die Hand auf den Schalter. „Da drin wohnt die Mutter. Die guckt dich an, bevor sie aufmacht. Halt still dabei.”
Der Prüfstand war eine Werkstatt.
Ein Raum aus grauem Blech, vier mal vier Meter, über einer Werkbank eine einzelne Lampe am Kabel. An der Wand eine blaue Lochplatte mit weißen Umrissen, Zange, Seitenschneider, drei Schraubendreher, ein Lötkolben, und in jedem Umriss hing das Werkzeug, das hineingehörte, bis auf zwei. Die Umrisse waren leer. Hinter Dobs fiel ein Rolltor herunter, und es wurde still.
Dann hörte er sie. Klack. Klack. Klack.
Unter der Werkbank kam sie hervor, eine Sechskantmutter, so groß wie eine Faust, messingfarben und angelaufen. Sie rollte über ihre Kanten, sechs Schläge für eine Umdrehung, einmal ganz um ihn herum, und blieb vor seinen Schuhen liegen. Die Lampe über der Werkbank wurde heller.
Dobs öffnete die Hand. Der Kleine kam heraus, sah die Mutter an und kletterte auf die Backe des Schraubstocks. Die Mutter kippte auf eine Kante und wieder zurück. Mehr passierte nicht, und Dobs hätte gern länger zugesehen.
Das Pfeifen war hier lauter.
Die Mutter hörte es auch. Sie rollte los, an seine linke Seite, und stieß mit einer Kante gegen etwas, das nicht da war. Klack. Noch einmal. Bei jedem Stoß ging der Ton in seinem Ohr hoch und wieder herunter.
Dobs drehte den Kopf, langsam.
Hinter seinem linken Ohr hing eine Schnur. Dünn, gewachst, straff, und sie lief senkrecht nach oben, durch das Blech der Decke, ohne dass dort ein Loch war. Am unteren Ende, eine Handbreit unter seinem Ohrläppchen, hing ein Senkblei, spitz und schwer, aus Messing. Daran war eine Blechmarke gebogen.
SK Bau · Rohstoffsicherung Niederrhein · Punkt 2.
Er kannte das Zeichen. Es hatte in Nierst auf der Mappe unter dem Glas gestanden, an dem Vormittag, als oben einer ein Fernrohr auf ihn gerichtet und abgelesen hatte. Erst ihn. Dann den, der hinter ihm stand.
Punkt zwei. Wer Punkt drei war, wusste er auch.
Die Schnur zuckte.
Zweimal kurz, von oben, und der Ton wurde ein Stich. Etwas Warmes lief ihm aus der Nase über die Lippe. Oben, weit über dem Blech, prüfte einer, ob das Lot noch hing und wo.
Der Kleine war vom Schraubstock herunter und stand auf Dobs’ Schulter, steif, mit allen Beinen gespreizt, den Kopf an der Schnur.
„Nicht”, sagte Dobs.
Der Kleine zitterte.
„Wenn du die durchbeißt, weiß er, dass ich sie gesehen hab. Und wo.” Er legte die linke Hand um ihn, vorsichtig. „Lass hängen.”
Die Schnur zuckte noch einmal, dann lag sie still. Der Ton sank auf das, was er seit Freitag war, hoch und dünn und immer da.
Die Mutter rollte zurück unter die Werkbank. Klack. Klack. Sechsmal, dann war sie unten.
Dobs blieb stehen, bis das Rolltor hinter ihm hochging.
Er lag auf dem Beton und drückte einen Putzlappen unter die Nase. Krey schraubte die Klemmen am zweiten Gestell ab.
„Und?”
„Ist nicht der Wandler.” Dobs nahm den Lappen weg und sah auf das Blut. „Da hängt ein Lot an mir. Von oben, durch dein Dach. Saeder-Krupp.”
Krey legte den Schraubendreher hin, ordentlich, parallel zur Tischkante.
„Ein Lot hängt, solange oben einer hält”, sagte er. „Halten kostet nichts. Ziehen kostet was. Wenn er zieht, bist du draußen.”
„Er hat gezogen. Zweimal.”
„Dann hat er geprüft.” Krey wischte sich die Finger an der Hose ab. „Hat die Mutter geklackert?”
„Ja.”
„Sechsmal pro Umdrehung?”
Dobs setzte sich auf. Krey sah ihn dabei nicht an, sondern auf das Gestell, auf die leere Stelle, wo sein eigenes Kabel einmal gesteckt hatte.
„Sechsmal”, sagte Dobs.
„Dann ist sie noch richtig.”
Um sechs war Jeck noch nicht zurück. Kerstin saß am Tisch und schälte Kartoffeln in eine Schüssel, die Ellbogen eng am Körper.
Dobs ging zum Kühlschrank, nahm den Stift und strich seine Zeile durch. Dann blieb er stehen, mit dem Stift in der linken Hand.
„Ich hör seit Nierst einen Ton”, sagte er. „Links. Das ist nicht der Wandler, Krey hat nachgemessen. Und drei Finger rechts spür ich seit Sonntag nicht.”
Kerstin legte das Messer in die Schüssel.
„Wer weiß das?”
„Krey. Jetzt du.”
„Was ist es?”
„Ein Lot. Von Saeder-Krupp. Die haben mich in Nierst eingemessen, und das hängt noch. Wenn ich drin bin, zieht einer dran.” Er sah auf das Blatt. „Und Mox auch, glaube ich. Der war nach mir dran.”
Kerstin stand auf, langsamer als am Morgen. Sie nahm ihm den Stift aus der Hand und schrieb unter seine durchgestrichene Zeile, klein und aufrecht: D — Ton links seit Fr. — 3 Finger re. seit So. — Lot, SK, Punkt 2. Darunter, nach einem Absatz: Punkt 3?
Dann hängte sie den Stift zurück an die Schnur und setzte sich wieder an die Kartoffeln.
Der Ton war noch da. Er stand jetzt in ihrer Schrift an der Kühlschranktür, zwei Zeilen unter Mox’ Namen, hinter dem immer noch keine Uhrzeit stand.