▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 133 — Gegenzug

Kerstin hatte es ihm um eins in der Nacht im Flur gesagt, leise, mit der Hand an den Rippen. Ton seit Freitag. Drei Finger. Saeder-Krupp, Punkt zwei. Und dass Mox vermutlich der nächste war.

„Gut, dass du’s mir nicht am Telefon gesagt hast”, hatte Jeck geantwortet. Dann hatte er bis halb vier an die Decke gesehen.

Um zehn saß er im Speicher der Uferkinder auf einem Klappstuhl, und Krey schraubte ihm das zweite Gestell an den Kopf. Die Kontakte waren kalt.

„Zwanzig Minuten”, sagte Krey. „Bei neunzehn sag ich was. Bei zwanzig zieh ich, egal wo ihr seid.”

„Und wenn wir gerade an was Interessantem dran sind?”

„Dann seid ihr bei zwanzig draußen und habt was Interessantes gesehen.”

Dobs lag schon auf der Matte, die Buchse hinter dem Ohr gesteckt. Er hatte die linke Hand auf der Brust und die rechte unter dem Oberschenkel, wo keiner die Finger sah. „Ich weiß nicht, was du da oben willst.”

„Ich hab gestern acht Stunden mit einem Mann geredet, der mich alle zwanzig Minuten fragt, wem ich gehöre”, sagte Jeck. „Jetzt will ich wissen, wem du gehörst.”

„Niemandem.”

„Dann gucken wir, wer das anders sieht.”

Krey legte den Schalter um.


Dobs’ Ort war eine Slipanlage. Eine Betonrampe, die schräg in schwarzes Wasser lief, oben eine Winde mit rostigem Seil, darüber ein Himmel ohne einen einzigen Stern. Jeck stand neben dem Jungen und war sich selbst nicht ganz sicher, ob er Füße hatte.

Die Schnur sah er sofort. Sie kam hinter Dobs’ linkem Ohr heraus und lief senkrecht nach oben, gewachst und straff, bis sie im Schwarzen nicht mehr zu sehen war. Unten pendelte das Blei, eine Handbreit unter dem Ohrläppchen, mit der Blechmarke daran. Der Kleine saß auf Dobs’ Schulter und sah überallhin, nur nicht zur Schnur.

„Kann man da hoch?”

„Man kann dran lang.” Dobs legte zwei Finger an die Schnur, und die Rampe fiel unter ihnen weg.

Die erste Decke war Stahlgitter. Von unten sah Jeck Containerböden, gelbe Nummern, eine Kranschiene; der Hafen-Host. Die Schnur ging durch eine Gitterstrebe, ohne sie zu berühren. Sie gingen hinterher. Danach kam eine graue Ebene, weit und flach, durch die Hunderte anderer Leitungen nach oben liefen, Kabel, Schläuche, gespannte Drähte, jede in eine andere Richtung. Dobs hielt den Kopf schief und folgte dem Ton.

Dann kam Glas.

Eine schwarze Platte, poliert, ohne Rand, so weit Jeck sehen konnte. Die Schnur ging hindurch. Und neben ihr, ein paar Meter weiter, kamen zwei andere aus dem Glas herunter. Eine lief schräg nach links weg, nach unten, Richtung Hafen. An ihrer Marke stand Punkt 3. Die zweite lief weiter weg, nach Norden, und an ihrer Marke stand Punkt 1.

„Drei”, sagte Dobs leise. „Ich hab mit zwei gerechnet.”

Jeck sah in das Glas. Da stand er, im grauen Anzug, den er seit Nierst nicht mehr getragen hatte, mit dem Scheitel von Kessels und einer Mappe unter dem Arm. Er hob die Hand. Der im Glas hob sie nicht.

„Der kennt dich”, sagte Dobs.

„Der kennt einen Mann vom Kieswerk.” Jeck ließ die Hand sinken. „Klopf.”

„Dann weiß er, dass ich sie gesehen hab.”

„Er weiß, dass du blutest, wenn er zupft. Das hat er sich am Mittwoch angesehen.” Jeck sah auf die Marke mit der Drei. „Was er nicht weiß, ist, dass wir drunter stehen und mit ihm reden wollen. Wer zahlt, zieht nicht an seinen Lieferanten. Er ruft an. Er weiß bloß nicht, wo.”

Dobs hielt die Schnur in der linken Hand. Er sah lange darauf. Dann zog er dreimal, kurz, nach unten.

Das Glas wurde still. Jeck hatte nicht gemerkt, dass es vorher nicht still gewesen war.

Der Kessels im Glas drehte den Kopf zur Seite, und Jeck drehte seinen nicht. Hinter dem Spiegelbild stand jemand. Kein Gesicht, nur ein grauer Kittel und ein Stativ mit drei Beinen, auf dem ein Fernrohr saß, und das Fernrohr schwenkte herum, bis es auf sie zeigte.

Von oben, durch das Glas, kam ein zweites Blei die Schnur herunter. Poliert, schwerer als das erste, und schnell.

„Runter!“, sagte Dobs.

Der Kleine fauchte. Sie fielen. Die graue Ebene, das Stahlgitter, die Rampe kam auf sie zu, und irgendwo darüber sagte Krey „Neunzehn”, und dann sagte er nichts mehr, weil es schwarz wurde.


Jeck lag auf dem Beton. Der Speicher drehte sich zweimal nach links und blieb dann stehen. Im Mund hatte er Metall, und das rechte Auge pochte, das mit dem geplatzten Gefäß.

„Siebzehn Minuten”, sagte Krey. „Ich hab früher gezogen. Ihr habt geschrien.”

„Ich schrei nie”, sagte Jeck. „Das war der Junge.”

Dobs saß auf der Matte, die linke Hand am Ohr. Er war grau im Gesicht. „Jetzt hängen zwei dran”, sagte er. „Das zweite ist schwerer. Und lauter.”

Krey sah ihn lange an. Dann sah er zu Jeck. „Das war dein Einfall.”

„War es.” Jeck kam auf die Knie, dann auf den Stuhl. „Und er ist noch nicht fertig.”

Neben der Tür hing ein Telefon an der Wand. Grau, mit Wählscheibe, aus der Zeit, als der Speicher noch das Büro einer Spedition gewesen war. Das Kabel lief in die Wand und von dort nirgendwohin. Krey hatte es Jeck einmal gezeigt, als Witz.

Es klingelte.

Krey stand auf und sah es an. „Der hängt an nichts”, sagte er. „Seit sieben Jahren.”

Jeck ging hin und nahm ab. „Getränkeservice Schleuse, Sie sprechen mit dem Auszubildenden.”

„Herr Jeck.” Die Stimme kannte er von der Fähre nach Kaiserswerth, dreißig Riesen in zwei Raten, die zweite in einer Bäckertüte. „Fünfundzwanzigtausend Nuyen.”

„Ich hab noch gar nicht gefragt.”

„Am Dienstagabend hat Frau Olivia auf der Fähre Zons eine Kiste übergeben. Grauer Kunststoff, elf Kilo. Sie steht im Fuhrpark von Mitsuhama in Heerdt, Halle drei, und wird am Montag um sechs Uhr abgeholt. Ich möchte bis Sonntagabend wissen, was darin ist. Nicht haben. Nicht öffnen. Wissen.”

„In EC.”

„Fünfundzwanzigtausend EC.”

Jeck sah zu Dobs hinüber. Der Junge hielt den Kopf schief und horchte nach links. „An meinem Jungen hängt was von Ihnen. Seit eben zweimal.”

„Das gehört nicht zum Auftrag.”

„Dann gehört der Junge auch nicht zum Auftrag”, sagte Jeck freundlich. „Und ohne ihn kommen Sie in Halle drei nur mit Ihren eigenen Leuten rein. Dann steht Saeder-Krupp im Torprotokoll von Mitsuhama, und das wollten Sie nicht, sonst hätten Sie nicht angerufen.” Er wartete. „Rufen Sie morgen um zehn wieder an. Bis dahin hängt an ihm höchstens eins.”

Auf der Leitung war es still, und jemand hörte zu.

„Zum Auftrag gehört, dass Ihr Junge arbeiten kann”, sagte Brackhaus. Dann klickte es, und das Telefon hing wieder an nichts.

Jeck legte den Hörer auf. Seine Hand war nass.

Hinter ihm atmete Dobs aus, lang und durch die Nase. „Das zweite ist weg”, sagte er. „Und das erste … das ist leiser. Viel leiser.” Er nahm die Hand vom Ohr und sah sie an. „Ich glaub, der hält nicht mehr.”

Krey löste die Klemmen am zweiten Gestell, eine nach der anderen, und sah dabei nicht auf.

„Der hält”, sagte er. „Er zieht bloß nicht mehr.”