Kapitel 134 — Häutung
Das Aggregat von D vierzehn sprang um sieben Uhr zwölf an, lief vier Minuten und schaltete wieder ab.
Mox saß auf einem umgedrehten Getränkekasten zwischen der Containerreihe und dem Zaun, die Hände in den Ärmeln. Seit fünf war D fünfzehn zweimal angesprungen, der Nestlé-Nachbar, baugleich, dasselbe Baujahr. Seiner dreimal. So ging das, seit er das Gelegte hielt, und daran hatte er sich gewöhnt.
An den Mittwoch nicht.
Mittwoch, sechzehn Uhr zehn, war D vierzehn zweimal kurz hintereinander angelaufen, je eine halbe Minute, bei zehn Grad und zugesperrter Tür. Danach hatte das Gelegte unter seinem Brustbein eine Weile nach oben gezogen, mit einem Ruck, der nicht von ihm kam. Seitdem war es nicht wiedergekommen.
Jeck kam um halb acht durch das Tor, im Nieselregen, ohne Schirm. Das rechte Auge war rot bis an die Iris.
„Kerstin sagt, du bist jeden Morgen hier.”
„Seit fünf.”
„Dann sag ich’s dir hier.” Jeck blieb stehen. Er sagte es in der Reihenfolge, in der es passiert war: der Ton an Dobs’ linkem Ohr, die drei tauben Finger, Krey und das Messgerät, das nichts fand. Das Lot. Die Marke von Saeder-Krupp Bau, Punkt 2. Die Slipanlage, die Schnur nach oben, die schwarze Glasplatte. Drei Schnüre. Eine nach Norden. Eine schräg herunter zum Hafen, mit einer Drei an der Marke. Dann ein Telefon, das an nichts hing, und Brackhaus darin. Fünfundzwanzigtausend EC für das, was in einer grauen Kiste in Halle drei bei Mitsuhama in Heerdt lag. Um zehn rief er wieder an.
Mox hörte zu, bis Jeck fertig war. Der Regen lief in Fäden an der Containerwand herunter.
„Wann hat er an dem Jungen gezogen?”
„Mittwoch. Bei Krey, nachmittags.” Jeck dachte nach. „Kurz nach vier. Zweimal.”
Mox sah zum Aggregat. Jeck folgte dem Blick und legte die Uhrzeiten nebeneinander. Mox ließ ihn.
„Der springt doch dauernd an”, sagte Jeck.
„Nicht zweimal in einer Minute. Nicht im Oktober.”
Jeck wischte sich den Regen aus dem guten Auge. „Dann ist Punkt drei nicht du.”
„Oder beides.” Mox stand auf. Die Knie waren steif vom Kasten. „Ich komm mit zum Telefon.”
Im Speicher roch es nach kaltem Lötzinn und nassem Beton. Dobs saß auf der Matte, den Rücken an einer Kabeltrommel, und hatte die rechte Hand unter dem Oberschenkel. Als Mox hereinkam, sah er hoch und gleich wieder auf den Boden.
„Ich hab gedacht, du weißt es schon”, sagte er. „Wegen der Liste.”
„Gelesen hab ich sie. Ich wusste nicht, was eine Drei ist.”
„Tut’s weh? Bei dir?”
„Nein.”
Dobs zog die Schultern hoch und horchte nach links. Krey saß an seinem Tisch und lötete etwas Kleines, ohne aufzusehen.
Um zehn klingelte das Telefon neben der Tür. Jeck ließ es zweimal klingeln, dann nahm er ab und hielt den Hörer so, dass er eine Handbreit vom Ohr wegstand. Mox trat neben ihn.
„Herr Jeck.” Die Stimme war ruhig und sehr deutlich. „An Ihrem Jungen hängt eins. Fünfundzwanzigtausend EC, bar, bei Auskunft. Bis Sonntag zwanzig Uhr.”
„Und Punkt drei.”
Auf der Leitung war es einen Moment still.
„Punkt drei ist nicht Ihr Kollege.”
Jeck sah Mox an. Mox sah auf den Hörer.
„Punkt drei steht still und wird kalt gehalten”, sagte Brackhaus. „Ihr Kollege sitzt davor. Wir halten. Wir ziehen nicht. Das gehört nicht zum Auftrag.”
„Ab jetzt gehört es dazu”, sagte Jeck. „Bis Sonntag zieht keiner an der Drei. Auch keiner in Essen, der wissen will, ob sie noch hängt.”
„Bis Montag sechs Uhr”, sagte Brackhaus. „Genauer kann ich es Ihnen nicht geben.”
Es klickte.
Jeck legte auf. Er stand eine Weile vor dem grauen Kasten an der Wand, dann drehte er sich um. „Angenommen.”
„Bis Montag sechs”, sagte Krey, ohne vom Lötkolben aufzusehen. „Da holen die in Heerdt die Kiste ab.”
„Ich weiß.”
„Dann weißt du auch, was die ab sechs Uhr eins dürfen.”
Mox nahm seine Jacke vom Haken. Jeck sah ihn an.
„Wo gehst du hin?”
„Hafen. Bis zwölf.”
Jeck hob die Augenbrauen über dem roten Auge. Eine Uhrzeit hatte Mox ihm seit Wochen nicht gegeben. „Und was machst du da bis zwölf?”
„Nachsehen, was er hält.”
Um zehn vor elf stand er vor D vierzehn und legte die linke Hand flach an den Stahl, neben die Tür. Die rechte blieb in der Tasche; der Handrücken war seit Montag offen, und das Futter klebte daran.
Sehen konnte er nichts. Der zweite Blick war seit dem Sommer weg, und wo er gewesen war, stand Grau. Aber das Gelegte war von ihm. Er hatte es selbst um das gelegt, was in der Kiste lag, und er hielt es jeden Tag, im Schlaf, beim Essen, auf dem Getränkekasten. Dafür brauchte er keine Augen. Er fand es mit der Hand am Blech und mit etwas unter dem Brustbein, das den ganzen Tag schwer war.
Er ging es ab. Glatt. Kalt. Dicht anliegend, eine Haut ohne Naht. Oben, wo er es damals zugezogen hatte, saß sein Knoten.
Daneben saß ein zweiter.
Er war dünn und hart, und er lief straff nach oben weg, schräg, Richtung Stadt. Gewachst. Mox kannte ihn nicht, aber er kannte die Beschreibung: Jeck hatte sie ihm vor drei Stunden im Regen gegeben.
Durchschneiden konnte er ihn. Dann wusste der, der oben hielt, im selben Augenblick, dass einer unten gewesen war, und wo. Hängen lassen konnte er ihn auch. Dann zog ab Montag sechs Uhr einer daran, und jeder Zug ging durch das Gelegte bis in die Kiste, und das Aggregat lief dagegen an, bis es nicht mehr nachkam.
Schlange kämpfte nicht gegen die Hand, die sie am Schwanz hielt. Sie ließ ihr die Haut.
Er bat nicht. Schlange mochte keine Bitten. Sie mochte es, wenn einer wusste, was er tat.
Mox lockerte das Gelegte unter seiner Hand. Nicht den Knoten, nur die äußerste, dünnste Lage. Er zog das Halten darunter nach innen, eine Handbreit, langsam, Stück für Stück, bis die alte Lage nur noch lose um die Kiste stand und nichts mehr trug. Der fremde Knoten saß jetzt an etwas Leerem.
Der Preis kam in die rechte Hand. Er spürte, wie der Handrücken in der Tasche aufging, weiter als am Montag, und das Warme lief ihm zwischen die Finger und ins Futter. Er biss die Zähne zusammen und hielt.
Dann löste er die alte Lage ganz.
Unter seiner linken Hand schälte sich etwas vom Blech. Grau, dünn, trocken trotz des Regens, so lang wie sein Unterarm. Es fiel ihm in die Handfläche, und es war kalt, kälter als der Stahl, und wurde in seiner Hand nicht wärmer. Mit den Fingerspitzen fand er den fremden Knoten darin. Die Schnur stand straff nach oben. Oben hielt einer, und was er hielt, war das hier.
Hinter ihm sprang das Aggregat an.
Mox zählte. Bei vier Minuten lief es noch. Bei sechs auch. Bei neun Minuten und zwanzig Sekunden schaltete es ab, und D fünfzehn daneben stand die ganze Zeit still.
Die fünfte Stufe. Er hatte gewusst, dass sie kommen würde. Vor Weihnachten galt nicht mehr. Er rechnete und kam auf den Nikolaus, vielleicht eine Woche davor.
Er sah auf die Haut in seiner Hand. Ließ er sie hier liegen, am Container, dann hing die Schnur weiter an D vierzehn, und am Montag zog einer an einer leeren Haut, merkte es und kam nachsehen. Nahm er sie mit, ging die Schnur mit. Dann zeigte Punkt drei dahin, wo er war.
Er faltete die Haut zweimal und steckte sie in die linke Innentasche, wo kein Blut hinkam. Sie lag kalt auf seiner Brust, an der Stelle, wo das Gelegte früher den ganzen Tag gezogen hatte und jetzt ein bisschen weniger zog.
Um Viertel vor zwölf ging er durch das Tor. Den Weg nach Weckhoven nahm er zu Fuß, und die Schnur kam mit.