Kapitel 135 — Handwärme
„Halle drei ist hinten links”, hatte Joost gesagt. „Wo die Waschstraße aufhört. Zwölf Meter vom Zaun, zur Bahn hin. Der Zaun hat da einen Pfosten, der schief steht, seit ein Sattelzug ihn mitgenommen hat. Das hab ich selbst gesehen.”
Er hatte an einem Stehtisch vor dem Büdchen an der Heerdter Landstraße gestanden, die Kapuze auf, und eine Cola nicht getrunken. Seine Kennung ruhte. Nach der Bergung hatten sie ihn noch Wagen waschen lassen, seit Mittwoch nicht einmal das.
„Und drinnen?”
„Drinnen war ich nie. Das ist das Sperrlager. Da steht, was keiner anfassen soll, bis einer unterschreibt.” Er hatte die Dose gedreht. „Montag um sechs holt einer von außen ab. Kein Wagen von uns. Hat der Pförtner erzählt, nicht ich. Ich hab nichts gesagt. Ich hab gar nichts gesagt.”
„Ich weiß.”
„Ich komm mit. Ich kenn den Hof.”
„Nein”, hatte Kerstin gesagt. „Du bleibst auf der Seite vom Zaun, auf der deine Kennung ruht.”
Um zwanzig nach elf lag sie im Schotter am Bahndamm, und es regnete.
Der Fuhrpark von Mitsuhama war ein Rechteck aus Licht, zur Straße hin hell genug zum Lesen, nach hinten dunkler. Hinter ihr, an der Landstraße, stand Jeck mit dem Wagen unter einer Laterne, die nicht brannte, und hatte das Telefon auf dem Knie. Er sollte nicht anrufen. Er sollte da sein.
Sie schaltete auf Restlicht. Der Hof wurde grün und flach und bekam Kanten: zwei Reihen Poolwagen, alle grau, alle mit D-MH. Ein Tankhäuschen. Die Waschstraße, ein langer Blechkasten mit zwei Rolltoren. Dahinter, niedriger, Halle drei. Der schiefe Pfosten stand da, wo Joost gesagt hatte.
Sie schaltete um. Im Wärmebild verschwand der Hof fast ganz. Der Regen kühlte alles auf dasselbe Grau, die Wagen, das Blech, den Schotter unter ihrem Bauch. Hell blieben nur die Lampenköpfe, ein Fenster im Pförtnerhaus mit einem sitzenden Mann dahinter und, am anderen Ende des Hofs, zwei Gestalten, eine aufrecht, eine auf vier Beinen.
Der Rundgang. Joost hatte vierzig Minuten gesagt. Sie zählte mit.
Neben dem Pfosten hatte der Sattelzug den Zaun unten aus dem Rahmen gedrückt, eine Handbreit. Durch eine Handbreit kam keine Schulter. Durch Maschendraht kam ein Sporn. Sie fuhr den rechten aus, setzte die Klinge an den Draht und schnitt fünf Maschen, unten am Boden, wo am Morgen niemand hinsah. Das Geräusch ging im Regen unter.
Durch die Lücke musste sie flach. Flach war in Ordnung. Halm hatte vom Drehen gesprochen.
Sie kam bis an die Rückwand der Waschstraße und stand auf. Die Rippen unter der linken Achsel meldeten sich, nicht schlimm, ein Druck mit Kanten. An der Wand lief eine Steigleiter für den Wartungsmann nach oben, am unteren Ende mit einem Gitter verschlossen, das mit einem Vorhängeschloss gesichert war. Über dem Gitter fing die Leiter erst an.
Sie griff mit rechts über das Gitter, zog sich hoch und hängte das linke Knie in die erste freie Sprosse. Der Arm hielt. Das linke Handgelenk machte mit, solange sie nicht daran zog. Sie zog nicht daran.
Oben war das Dach der Waschstraße flach und nass, Bitumen mit Kies darauf, und von dort sah sie über die Kante hinunter auf das Dach von Halle drei, einen Meter tiefer, Wellblech.
Die Gestalt auf vier Beinen kam um die Ecke der Poolwagen. Früher als vierzig Minuten.
Kerstin lag schon. Die Reflexe hatten sie hingelegt, bevor sie den Hund richtig gesehen hatte, aber sie hatten sie auf die linke Seite gelegt, und in der Bewegung hatte sie sich gedreht. Es ging heiß und dünn durch die Rippen, und für drei Atemzüge bekam sie keinen vierten. Sie presste den Mund in den Ärmel.
Unten blieb der Hund an der Waschstraße stehen. Im Wärmebild war er ein heller Fleck mit gesenktem Kopf, der Mann daneben ein hellerer mit einem Schirm, der seine Schultern dunkel hielt. Der Hund hob die Nase in den Regen. Sie lag nass auf nassem Kies, mit Wasser im Kragen, und der Regen machte sie so grau wie das Dach.
„Komm”, sagte der Mann. „Da ist nichts. Komm, Kuma.”
Der Hund kam. Sie ließ sie bis hinter die zweite Reihe Wagen gehen, bevor sie wieder atmete, flach, mit den Rippen still.
Dann rutschte sie auf dem Bauch bis an die Kante, schob sich über den Meter hinunter auf das Wellblech, mit beiden Händen und ohne sich zu drehen, und legte sich auf das Dach von Halle drei.
Durch Blech sah sie Wärme. Blech war dünn, und was darunter lag, schien hindurch, matt, und mit jeder Minute, die sie lag, deutlicher.
Unter ihr lief ein Gang zwischen Regalen, kalt bis auf das, was in den Lampen noch saß. Reifen. Kartons. Ein Gitterkäfig in der Mitte der Halle, drei mal drei Meter, mit einer Tür. Im Käfig ein Tisch, darauf ein Kasten von dreißig Zentimetern. Daneben ein Stuhl.
Der Stuhl war warm. Nicht der ganze, nur die Sitzfläche und ein Fleck an der Lehne, wo ein Rücken angelegen hatte. Sie kannte das. Das waren drei Stunden Sitzen, vielleicht mehr, und aufgestanden war der Mann vor zwanzig Minuten. Einer saß hier Wache, an einem Kasten, der in einem verschlossenen Käfig in einer verschlossenen Halle stand.
Dann sah sie auf den Kasten selbst.
Die Hülle hatte die Temperatur der Halle. Neun Grad, vielleicht weniger, dasselbe Grau wie der Tisch. Aber im unteren Drittel, durch den Kunststoff hindurch, lag etwas, das wärmer war. Eine Batterie hätte einen Punkt gemacht. Das hier war ein Streifen, ein paar Zentimeter breit, der in einem flachen Bogen von einer Ecke zur anderen lief und zur Mitte hin breiter wurde. Drei Grad über dem Rest. Er wurde nicht kälter, während sie hinsah, und nicht wärmer.
Unter ihr ging eine Tür. Der Mann kam zurück, eine helle Gestalt mit einem Becher in der Hand, der im Bild heller leuchtete als er selbst. Er schloss den Käfig auf, setzte sich auf den warmen Stuhl und stellte den Becher ab. Dann legte er beide Hände flach auf den Deckel des Kastens, mit gespreizten Fingern, und ließ sie dort liegen.
Er wärmte sich daran.
Kerstin lag im Regen auf dem Wellblech, und die Rippen pochten im Takt, und sie rührte sich nicht. Sie hatte diesen Bogen schon einmal gesehen. Nachts, am zwölften, auf einem Feld bei Nierst, zwanzig Meter breit, vom Deich bis an die Abbaukante. Zur Mitte hin breiter. Drei Grad, für die es keinen Grund gab. Sie hatte darin gekniet, mit der Linse einer Drohne in der Erde, und war warm gewesen bis an die Knie.
Unter ihr rieb der Wachmann die Hände aneinander, legte sie wieder auf den Deckel und sagte etwas zu dem Kasten, das sie durch das Blech nicht hören konnte.
Elf Kilo. Dreißig Zentimeter. Und darin, im Bogen, ein Stück von dem, worüber Reinartz zu Jeck gesagt hatte, dass es dem gehörte, der das Ufer hatte.
Jemand hatte das Ufer in eine Kiste gepackt.